Das Ding an sich

Luhmanns Zettelkasten

Jana Stern veröffentlicht am 1 min

Sechs Holzkästen mit jeweils vier Auszügen, in denen sich insgesamt ungefähr 90 000 handgeschriebene Zettel befinden – das war das „Zweitgedächtnis“ (Zettel 9/8,2) des Systemtheoretikers Niklas Luhmann (1927–1998). 

Auf die Frage, wie seine immense Publikationsleistung zu erklären sei, antwortete der Bielefelder Soziologe 1987 in einem Interview: „Ich denke ja nicht allein, sondern das geschieht weitgehend im Zettelkasten. (…) Der Zettelkasten kostet mich mehr Zeit als das Bücherschreiben.“ So stellt die zwischen 1951 und 1996 entstandene Sammlung denn auch kein reines Wissensarchiv dar, sondern ist mindestens ebenso ein „Denkwerkzeug“ (Zettel 9/8g), welches durch seine offene Struktur und Eigenkomplexität wie ein Zufallsgenerator funktioniert, der begrifflich und theoretisch instruiert ist. Der Zettelkasten folgt keiner Hierarchie oder linearen Struktur, sondern bedient sich einer Verweistechnik, die an heutige Hyperlinks erinnert: Dasselbe Thema kann an unterschiedlichsten Stellen im Kasten vorkommen. Damit simulierte diese Variante der analogen Speichertechnik also bereits in den 1960ern eine Art computergestütztes Datenbanksystem. Der Zettelkasten, der an der Universität Bielefeld gerade vollständig digitalisiert wird, folgte somit gewissermaßen jenem Funktionsprinzip, das Luhmann eigentlich einem sozialen System attestiert hatte: der Autopoiesis. Er ist ein sich selbst erhaltendes, selbstreferenzielles System, das seine eigenen Kommunikationsregeln gebiert. Für Luhmann war er jedoch noch weit mehr: Ein „Junior-Partner“ (Zettel 9/8,1) im stetigen Gespräch. „Ohne die Zettel, also allein durch Nachdenken“, so verriet er einmal, „würde ich auf solche Ideen nicht kommen. Natürlich ist mein Kopf erforderlich, um die Einfälle zu notieren, aber er kann nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden.“

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