Anfänge analysieren

Eine Rezension von Jutta Person, veröffentlicht am

Bücher – Kurz und bündig

Lesen steht derzeit noch höher im Kurs als sonst – natürlich zu Recht. Vielleicht ist das genau der richtige Moment, um einen Blick auf die Kulturtechnik selbst zu werfen oder besser noch: die Anfänge des Lesens zu untersuchen. Dabei hilft Peter-André Alts Analyse „Jemand musste Josef K. verleumdet haben“, eine kluge Meditation über „Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten“ (C. H. Beck, 26,95 €). Mit Kant weist Alt darauf hin, dass der erste Satz ähnlich paradox sei wie die Schöpfungsgeschichte: „die Welt selber aber kann keinen Anfang haben“. Wie jedoch kommt es dann zu ersten Sätzen? Indem Schriftsteller wie Kafka sich über den Anfang betrügen, „gleitend in Erzählungen eintreten“ oder in einem Zustand der Trance schreiben – und damit den ersten Satz nicht an der Last der folgenden Geschichte ersticken lassen. Wer über erste Worte nachdenkt, kann von ersten Buchstaben nicht schweigen: Matthias Heine erzählt in „Das ABC der Menschheit“ (Hoffmann & Campe, 18 €) von hieratisch-ägyptischen Schreibschriften, gotländischen Runensteinen oder kyrillischen Alphabeten – und macht nachvollziehbar, wie Zeichen und Sinn zusammenkommen. Aber ab wann wollen Menschen überhaupt etwas aufzeichnen? Und wie wird kommuniziert? Der Anthropologe, Verhaltens- und Primatenforscher Michael Tomasello wählt andere Wege zum Anfang: Seine weit ausholende Studie „Mensch werden – eine Theorie der Ontogenese“ (Suhrkamp, 34 €) untersucht, was Menschen- und Affenkinder können und was sie unterscheidet. Nur einer der vielen Unterschiede: „symbolisch werden“. Womit man wieder bei Sprache, Schrift und ersten Zeichen wäre.