Arbeit am Mythos

Eine Rezension von Hans-Peter Kunisch, veröffentlicht am

Hundert Jahre Hans Blumenberg: Zum Geburtstag des Autors der „Höhlenausgänge“ ordnen drei Bücher das Werk eines Philosophen ein, der sich stets im Hintergrund hielt

Porträt eines sich Verbergenden. Philosophie der Distanz. Auf Umwegen zur Einsiedelei. Wer sich mit Hans Blumenberg, der am 13. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, beschäftigt, muss eine Formel dafür finden, dass der Philosoph sehr zurückgezogen lebte, nur zwei Fotos autorisierte, keine Interviews gab, in keiner Talkshow auftrat. Andererseits schrieb er für die Neue Zürcher Zeitung und die FAZ beliebte Feuilletons, weil er auch nichtstudentisches Publikum schätzte, und gegen Tonaufnahmen seiner Freitagsvorlesung an der Münsteraner Universität hatte er nichts. Ausschnitte kann man in Christoph Rüters schönem Film „Der unsichtbare Philosoph“ hören. Ganz Philosophie-Münster genoss seinen trockenen Humor, wenn er mit kehlig knarzender Stimme erzählte, dass das Vorlesungskonzept des Semesters gescheitert sei, er sich aber nicht gleich umbringen könne und also weitermache. Vielleicht gelang ihm das auch, weil Blumenberg, der den Sigmund-Freud-Preis für Essayistik zur Hälfte in Wein anlegte, am Telefon schon mal einen edlen Château Pétrus trank.

Zum Jubiläum stellen drei Werke – eine intellektuelle Biografie, ein philosophisches Porträt und eine Einführung – die Grundzüge von Blumenbergs Philosophie vor. Franz Josef Wetz’ vollständig überarbeiteter Junius-Band legt ein zuverlässiges Fundament zum Verständnis der blumenbergschen Denkwelten. Das kundige Porträt des Blumenberg-Schülers Jürgen Goldstein macht einen diskreten Denker sichtbar, von den Zettelkästen des akribischen Gelehrten über seine Technikphilosophie bis zur Bewusstseinsgeschichte der Neuzeit. Am meisten Neues erfährt man bei Rüdiger Zill, der sein souverän geschriebenes Monumentalwerk „Der absolute Leser“ eine „intellektuelle Biographie“ nennt. Und tatsächlich geht es darin nicht um lebensweltliche Details, sondern um die Frage, wie Blumenberg zu einem Denker wurde, der sich durch Bücher wie „Arbeit am Mythos“ ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat.

Für Blumenberg ist der Mythos durch die Aufklärung nicht überholt, aber auch kein schönfärberisches Mittel zur „Wiederverzauberung“ der Welt, was verzückte Besinnlichkeitsromantiker manchmal fordern. Für die geistige Welt des Menschen ist der Mythos genauso wichtig, wie es die Institutionen für das Zurechtfinden in der sozialen Wirklichkeit sind. Der Mythos nimmt dem Menschen die existenzielle „Angst“, die Blumenberg von Kierkegaard und Heidegger geerbt hat. Er trägt zur „Lesbarkeit der Welt“ bei, die schon in Blumenbergs gleichnamigem Klassiker aus dem Jahr 1979 bis zur Entzifferung des genetischen Codes reicht. Auch dieser ist eine Form der „absoluten Metapher“, ein nicht mehr in einfachere Ausdrücke  übersetzbares sprachliches Bild, dem Blumenberg in seiner berühmten „Metaphorologie“ auf der Spur war. Mittels Metapher, so Blumenberg, hilft der Mythos dem Menschen, dem „Absolutismus der Wirklichkeit“ standzuhalten.

In Zills Biografie findet sich aber auch viel Platz für die Frage: Woher kam der Mensch hinter dem imposanten Werk? Blumenbergs Mutter war Jüdin, der Vater streng katholisch. Und so wechselte die Mutter, auf Wunsch des Schwiegervaters, zum christlichen Glauben. Im „Dritten Reich“ galt Blumenberg dennoch als „Halbjude“. Beim Abitur im März 1939 durfte er, der Jahrgangsbeste Schleswig-Holsteins, die Abiturrede in seiner Heimatstadt Lübeck nicht vortragen – ein „traumatisches Erlebnis, dessen Nachhall ihn sein Leben lang begleiten wird“, wie Zill festhält. Blumenbergs Rede wurde trotzdem von einem solidarischen Mitschüler gehalten. Sie handelt vom humanistischen Bildungsideal und gipfelt in einem Zitat aus Hitlers „Mein Kampf“ – eine „Umarmungsgeste“, vermutet Zill, eine Bannung „durch Einbindung“, hält Goldstein fest.

Bis 1940 konnte Blumenberg im NS-Staat noch studieren, danach wurden „jüdische Mischlinge“ vom Studium ausgeschlossen. In den folgenden Jahren schlägt er sich als Hilfsarbeiter und kaufmännischer Angestellter durch. 1942, erinnert sich Blumenberg, war er mit der Bombardierung Lübecks, wie Thomas Mann, einverstanden, auch wenn seine reichhaltige Bibliothek dabei verbrannte. Im Februar 1945 wird er ins Zerbster Arbeitslager der Organisation Todt deportiert, doch ein Lübecker Unternehmer kann ihn retten; Blumenberg versteckt sich bis zum Kriegsende auf dem Dachboden seiner künftigen Frau. Noch im Wintersemester 1945 beginnt er ein Philosophiestudium an der Universität Hamburg.

„Die Genesis der kopernikanischen Welt“, eine Bilanz der Errungenschaften der Neuzeit, hielt der konservative Einzelgänger für sein wichtigstes Buch. Andere würden vielleicht für die kurzen Stücke plädieren, die ihn ebenso bekannt gemacht haben, wie „Die Sorge geht über den Fluss“ oder „Das Lachen der Thrakerin“. Husserl, Heidegger, Gehlen, Simmel, Benjamin und Adorno waren die Ahnen. Blumenberg sog vieles auf und verwandelte es – in Blumenberg. Gemeinsam ist seinen Büchern, dass sie „Begriffe in Geschichten“ erzählen. Ein Systemdenker war er nie. Das kommt ihm heute zugute.

Franz Josef Wetz
Hans Blumenberg zur Einführung
Junius
256 Seiten
15,90 €

Jürgen Goldstein
Hans Blumenberg. Ein philosophisches Portrait
Matthes & Seitz
624 Seiten
34 €

Rüdiger Zill
Der absolute Leser. Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie
Suhrkamp
816 Seiten
38 €