Auch eine Geschichte der Philosophie

Eine Rezension von Josef Früchtl, veröffentlicht am

Vernünftige Freiheit – In seiner 1700-seitigen Philosophiegeschichte beleuchtet Jürgen Habermas das Verhältnis von Glauben und Wissen
 

In den vergangenen Jahren hat man des Öfteren gemunkelt, dass Jürgen Habermas ein Buch zur Geschichte der Philosophie schreibt. Wer mit dem Werk dieses Philosophen vertraut ist, hat das Gerücht mit einem gewissen ungläubigen Staunen aufgenommen. Denn Habermas ist ein systematischer Denker, der groß angelegte Theorien entwirft, kein nacherzählender Historiker, der Philosophie zum Schulgebrauch aufarbeitet.

Aber nun liegt dieses Buch tatsächlich vor, mit einem Volumen von über 1700 Seiten. Die Geschichte der Philosophie, mag man in einer ersten Reaktion seufzen, ist lang, ihre seriöse Darstellung kann daher nicht kurz sein. Aber es bleibt doch die Frage, was den kreativen Denker angetrieben hat, die Jahre nach seiner Emeritierung vor allem dieser zeitraubenden und kräftezehrenden Arbeit zu widmen. Mit der ihm eigenen Freimütigkeit bekennt Habermas, dass es ihm „einfach Spaß gemacht“ hat, „die Lektüre vieler bedeutender Texte, die ich nie gelesen hatte, nachzuholen“. Und in der Tat taucht er ein in Texte, die in seinen Büchern bisher nur als Fußnoten oder allgemeine Bemerkungen geführt wurden, von Plotin und Augustinus über Thomas von Aquin und Spinoza zu Hume, Feuerbach und Kierkegaard.

Das eigentliche Motiv für dieses Buch aber ist von ernster Natur. Es geht um nichts weniger als die Frage: Was ist Philosophie? Und diese Frage lässt sich nur in einem Akt der Selbstreflexion und Narration beantworten. Der Vergleich mit einem individuellen Selbst liegt nahe. Wenn ich wissen will, wer ich (eigentlich) bin, beginne ich, meine Geschichte zu erzählen. Der Blick zurück auf das Vergangene kann aber nicht getrennt werden von der Zukunft, von dem Wunsch, wie ich sein möchte. So fließt auch in die Selbstbeschreibung der Philosophie ein Ideal ein, freilich eines, für das man nachvollziehbare Gründe geben muss.

Habermas hat sich der historischen Selbstvergewisserung schon einmal unterzogen, in „Der Philosophische Diskurs der Moderne“ von 1985. Während er dort aber die Philosophie der vergangenen 200 Jahre untersucht, geht es jetzt in mehrfacher Hinsicht ums Ganze. Denn der Diskurstheoretiker gesteht ein, dass er zunehmend unsicher geworden ist hinsichtlich der Bedeutung der Philosophie. Wie jede Wissenschaft splittert sie sich unvermeidlich in Spezialisierungen auf, aber anders als bei den anderen Wissenschaften ist für sie „das Ganze“ unverzichtbar. In den Weltreligionen und der griechischen Antike waren die religiös-metaphysischen Weltbilder für die Ausrichtung aufs Ganze und die kulturelle Form des Lebens zuständig. In einer weit ausholenden Geste will Habermas nun zeigen, wie die Philosophie – in Europa, dieser Einschränkung ist er sich bewusst – Schritt für Schritt versucht, das jüdische und christliche Erbe zu „transformieren“. Es ist daher die Spannung zwischen Glauben und Wissen, die die Geschichte der Philosophie und damit die Philosophie selbst kennzeichnet.

Das Ideal, das diesen Prozess der Selbstvergewisserung grundiert wie eine unsichtbare helle Farbe ein Schlachtengemälde, ist die „vernünftige Freiheit“. Individuelle Freiheit und Bindung an etwas allgemein Verbindliches müssen zusammenkommen. Hier folgt der Philosoph seinen bekannten Vorbildern: von Kant und Hegel über Marx zu Horkheimer und Adorno. Vor diesem Hintergrund ist dann der Wechsel zwischen den verschiedenen Weltbildern und Denkmodellen nicht bloß „kontingent“. Es ist nicht so, dass wir immer nur anders, sondern dass wir besser verstehen. Es ist daher auch kein unrettbarer Idealismus, auf fortschreitende Einsichten in der Philosophie, der Moral und selbst der Politik zu hoffen.

Habermas macht sich am Ende keine Illusionen darüber, dass der Status eines Wissens, das versucht, den Glauben begrifflich einzuholen, prekär bleibt. Dennoch ist das jüngste Buch aus der Feder des betagten Philosophen eine Neuformulierung der Maxime der Aufklärung: Habe Mut, dich weiterhin des Verstands zu bedienen. Denn die Geschichte der religiös inspirierten und kulturell rückgebundenen Philosophie zeigt, dass es dafür gute Gründe gibt.