Betrachtungen zur Schwulenfrage

Eine Rezension von Cord Riechelmann, veröffentlicht am

Queer sein

Bis jetzt können wir nicht ohne Namen leben und wir können uns auch nicht in der Welt orientieren, ohne den Dingen, Sachen und Lebewesen Namen zu geben. Das Pech ist nur, dass ein Name nie nur ein Name ist. Ein Name beinhaltet immer auch ein Programm der Herkunft und der gesellschaftlichen Erwartung. Wer ein Kind Ann-Kristin nennt, findet nicht nur den Namen schön. Er oder sie sagt damit auch zu dem Kind: Werde die Frau, die im Namen Ann-Kristin programmiert ist. 

Diesen Sonderfall der konstitutiven und formenden Kraft der Sprache hat Judith Butler für Frauen, Menschen dunkler Hautfarbe, Lesben und Schwule untersucht und dabei vor allem auf die „beleidigende“ Macht der Sprache hingewiesen. Es ist deshalb kein Wunder, dass Didier Eribon seine „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ auf Butlers Untersuchungen zum „Hassdiskurs“, zum „hate speech“, fußen lässt. Zu den Eckpfeilern des Feldes, das Eribon hier aufspannt, gehören neben Butler auch Louis Althussers „Anrufung“, nach der das Individuum zum Subjekt wird, indem es auf Namen reagiert, und Michel Foucaults Untersuchungen zu Homosexualität, Wahnsinn und Macht. Der Schwule, so Eribon, wächst in eine Welt von Beleidigungen hinein, in der er sich nur schwer von seinen Zuschreibungen trennen kann, um wieder sein eigenes Begehren zu entdecken.

Mit diesen Theorien im Gepäck, liest der französische Soziologe auch die großen schwulen Literaten des 20. Jahrhunderts wie Marcel Proust, André Gide und Jean Genet. Genet setzte als Erster auf die Kraft der Affirmation im Spiel der Beleidigungen, indem er postulierte, dass er zum Dieb, als den man ihn bezeichnete, dann auch werden wollte; er war aber nicht nur Dieb, sondern auch Stricher und schwul. Für den Soziologen Eribon wird Genets Annahme der Beleidigung zu einer Art Modell für sein Vorhaben. Aus der Beleidigung Queer, was auch „schwule Sau“ heißt, macht Eribon in seiner Studie „Queer studies“. Tatsächlich zählen seine „Betrachtungen“, im Original 1999 erschienen, zu den Gründungsakten der „Queer Studies“ und sind so aktuell wie in der ersten Stunde.