Das andere Ende der Geschichte. Über die Große Transformation

Eine Rezension von Jenny Friedrich-Freksa, veröffentlicht am

Rechtsdrift

Wie sind wir nur in dieser komplizierten Gegenwart gelandet? Der Sozialhistoriker Philipp Ther, der über ethnische Vertreibungen und Flucht ebenso geschrieben hat wie über das europäische Operntheater im 19. Jahrhundert oder die Geschichte des neoliberalen Europas, versammelt in „Das andere Ende der Geschichte“ eine Reihe seiner Essays zu Europa und den USA nach 1989. Es geht ihm um die Frage, wie die Entwicklungen hin zu Rechtspopulismus und autoritären Regimes historisch und strukturell zu verstehen sind. Der Autor begreift sie als Ergebnis einer „Großen Transformation“, welche sowohl postkommunistische als auch kapitalistische westliche Gesellschaften in den letzten 30 Jahren durchlaufen haben.

Ther bezieht sich dabei auf den ungarischen Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Dynamik des Kapitalismus als eine Pendelbewegung sah: Perioden relativ ungehemmten Wachstums wechselten sich ab mit Perioden sozialer Reformen, in denen die Folgen des Wachstums für die arbeitende Bevölkerung – von der Arbeitslosigkeit bis zum Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts – bekämpft wurden. Ther untersucht, wie nach 1989 durch neoliberale Reformen die Globalisierung ökonomisch voranschritt, es aber versäumt wurde, mithilfe einer aktiveren Sozial- und Infrastrukturpolitik die negativen Folgen abzufedern. Menschen würden daher heute nicht einfach nur mit dem Einfordern sozialstaatlicher Maßnahmen reagieren, sondern eben auch mit Rechtspopulismus.

Eine „Drift zum Rechtsnationalismus und Illiberalismus“ habe aber bereits in den 1990er-Jahren begonnen. Sehr anschaulich und detailreich wird diese Entwicklung in ihren jeweiligen nationalen Ausformungen und Besonderheiten skizziert. Ther greift dabei auch auf eigene Erfahrungen in den USA, Italien und Russland zurück. Aufgrund ihrer Faktenfülle sind die Essays nicht unbedingt zum schnellen Lesen geeignet. Ihr wunderbar leichter Erzählstil wiegt dies aber auf und macht die Lektüre zu einem echten Vergnügen.