Das Eis-Schloss

Eine Rezension von Jutta Person, veröffentlicht am

Manchmal ist das Schöne tödlich: Zwei elfjährige Mädchen, Siss und Unn, freunden sich vorsichtig an, irgendwann und irgendwo im ländlichen Norwegen; so stark ist die Attraktion, dass beide fast verlegen wieder auseinanderfliegen. Am nächsten Tag verschwindet Unn: das „Eis-Schloss“, ein gefrorener Wasserfall voller märchenhaft blaugrüner, todkalter Eishöhlen, hat sie in seinen Bann geschlagen. Siss bleibt allein zurück und schottet sich ab, fast so, als ob sie nicht mehr leben dürfte, weil Unn verloren gegangen ist. Niemand kann so voller Feingefühl und Takt vom Trauern und Wieder-Lebendigwerden, von Eis und Schneeschmelze erzählen wie der Norweger Tarjei Vesaas (1897–1970). Vielleicht liegt das Geheimnis seiner poetischunaufdringlichen Tonlage genau darin: weder in Pathos zu erstarren noch zu verniedlichen, sondern menschenfreundlich in den „Abgrund aus Sehnsucht“ zu schauen.