Das Leben der Anderen

Eine Rezension von Cord Riechelmann, veröffentlicht am

Gefühle, Rechte, Ökologie: Der Primatenforscher Frans de Waal, der Philosoph Bernd Ladwig und die Politologin Jane Bennett stellen die Tier-Mensch-Frage neu

Man kann die drei Bücher, die hier vorgestellt werden, wie in einer Wellenbewegung lesen, denn sie erzählen davon, was in den Lebens- und Humanwissenschaften sagbar ist, welche Konjunkturen und Denkbewegungen radikal neue Ideen ermöglichen – und sie hängen dabei auch inhaltlich miteinander zusammen. Frans de Waal ist zurzeit der Primatologe der in Zoos oder größeren Gehegen gehaltenen Menschenaffen. Bereits als Student in den 1970er-Jahren konnte er von seinem Schreibtisch im niederländischen Arnheim auf die Schimpansenkolonie im Zoo blicken. Eine Beobachterposition, die der mittlerweile weltberühmte Forscher auch an seinem aktuellen Arbeitsplatz innehat, einem Primatenzentrum in der Nähe von Atlanta in den USA.

De Waals Forschungen kreisten von Anfang an um Versöhnungsphänomene unter Schimpansen und Bonobos. Berühmt wurde er, als er nach Tausenden von Beobachtungsstunden einen entscheidenden Unterschied auf den Begriff bringen konnte: Während Schimpansen sexuelle Konflikte durch Macht lösen, lösen Bonobos Machtkonflikte durch Sex. Darüber hinaus haben sie nicht nur mit dem anderen Geschlecht Sex, sondern auch mit dem eigenen. Zudem sind in ihren Gesellschaften sofort, wenn sie mehr als zwei sind, die Frauen dominant und das in einem für Wissenschaftler und Journalisten – die männliche Form ist Absicht – extrem gewöhnungsbedürftigen Sinn. Die Bonobofrauen einer Gesellschaft sind nämlich in der Regel nicht verwandt und ihre Dominanz beruht auch nicht auf körperlicher Überlegenheit. Sie folgt einzig aus verfeinerten Formen von Kooperation und Bündnispolitiken, die auch über Sex stabilisiert werden. De Waal überschrieb diese Verhaltensmuster mit dem alten Hippieimperativ „Make love, not war“ und wurde damit zu Recht auch unter Feministinnen zum Stichwortgeber. Was aber sein neues Buch „Mamas letzte Umarmung“ von den zahlreichen Publikationen des produktiven Autors unterscheidet: Der Primatologe erzählt von seinen Forschungen auch historisch anhand seines Lebensweges. So ist sein Bericht von einem Kongress, auf dem er erstmals sein Forschungsanliegen vorstellte, mehr als instruktiv. In der Biologie herrschte zu der Zeit das soziobiologische Paradigma vom „egoistischen Gen“, wie der 1976 erschienene Weltbestseller von Richard Dawkins hieß.

Es wurde nur nach Sieg und Niederlage in tierischen Kämpfen und deren Kosten gefragt. Versöhnung interessierte niemanden und so musste de Waal den Kongress applauslos auch wieder verlassen. Interessant ist das vor allem, weil er hier sehr plastisch zeigen kann, dass es ein interesseloses Suchen nach Wahrheit auch in den Wissenschaften nicht gibt. Beobachtungen werden immer in der Zeit gemacht und sie hängen von Konjunkturen ab, die nie allein der sogenannte freie Forschergeist bestimmt. Ein Problem, mit dem sich auch Bernd Ladwig, der politische Philosophie an der FU Berlin lehrt, sehr gut auskennt. Seine „Politische Philosophie der Tierrechte“ ist, auf eine Formel gebracht, der äußerst behutsam vorgetragene Versuch, die Menschenrechte auch als Tierrechte zu lesen. Und das hat natürlich auch mit Frans de Waals Forschungen zu den emotionalen Ausdruckskompetenzen von Menschenaffen zu tun. Die Frage, ob Tiere leiden können, stellt sich für Ladwig nicht mehr; die Nachweise sind in überaus reicher Zahl erbracht. Ebenso erledigt hat sich die Frage nach der intentionalen Einstellung von Tieren. Sie nehmen erlebend und strebend „auf etwas als etwas Bezug“ und „sie nehmen es als gefährlich, genießbar oder genussvoll wahr“, wie Ladwig schreibt. Auch zu selbstbewusster Wahrnehmung sind sie fähig, wie nicht zuletzt die Spiegelversuche etwa bei Schimpansen, Delfinen und Elstern gezeigt haben. Wobei der Philosoph in einer Fußnote zu bedenken gibt, dass mittlerweile auch Fische im Spiegelversuch erfolgreich waren; was darauf hinweisen könnte, dass der Spiegel nicht die angemessene Methode sei, um Selbstbewusstsein im Versuch zu messen.

Ladwig zeigt ein Problembewusstsein für die immense Vielfalt an Lebens- und Wahrnehmungsformen im Tierreich, und das ermöglicht eine so angenehm unaufgeregte Lektüre, dass man sein Buch einfach nur empfehlen kann. Das unendlich scheinende Leid, das Menschen täglich Tieren zufügen und gegen das dieses Buch kämpft, dringt natürlich trotzdem immer wieder unvermeidlich aus den Sätzen ins Bewusstsein, jedenfalls solange man noch mitempfinden kann.

Um die Empfindungs- und Handlungsmöglichkeiten von nichtmenschlichen Wesen geht es auch in Jane Bennetts „Lebhafte Materie“. Im Original bereits 2010 erschienen, ist das Buch längst ein Klassiker der politischen Ökologie. Der amerikanischen Politologin und Philosophin geht es um „Thing Power“, um Ding-Macht, um „die eigenartige Fähigkeit lebloser Gegenstände, zu animieren, zu agieren, dramatische und subtile Wirkungen zu zeitigen“, wie es an einer entscheidenden Stelle heißt. Damit geht ein neu gedachtes Subjekt-Objekt-Verständnis einher, was wiederum auch auf die Wahrnehmung von Tieren zurückwirkt. Und auf die von Pflanzen, Mineralien, Dingen. Bennetts „vitaler Materialismus“ ist tatsächlich grenzsprengend, weil er dem nichthumanen Gegenüber die über Jahrhunderte unterstellte Passivität nimmt.

De Waal, Ladwig und Bennett denken „Leben“ von der vermeintlich anderen Seite her, und dabei zeigt sich, was mittlerweile auch ohne große revolutionäre Geste sag- und denkbar ist: Tiere haben ein komplexes Gefühlsleben und nehmen sich selbst wahr. Welche Konsequenzen die menschliche Seite daraus zieht, ist allerdings nach wie vor offen.

Frans de Waal
Mamas letzte Umarmung. Die Emotionen der Tiere und was sie über uns aussagen
übers. v. Cathrine Hornung 
Klett-Cotta
430 Seiten
26 €

Bernd Ladwig,
Politische Philosophie der Tierrechte
Suhrkamp 
411 Seiten
22 €

Jane Bennett,
Lebhafte Materie. Eine politische Ökologie der Dinge
übers. v. Max Henninger
Matthes & Seitz
271 Seiten
28 €