Das Zeitalter der Fitness. Wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde

Eine Rezension von Nils Markwardt, veröffentlicht am

Wer durch den Park joggt, Gewichte stemmt oder zum Spinning-Kurs geht, steckt nicht nur im Trainingsanzug – sondern auch tief in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Fitness, so analysiert der Historiker Jürgen Martschukat in seinem gleichermaßen interessant wie rasant geschriebenen Buch, dient heute immer auch als regulatives Ideal westlicher Gesellschaften. Genauer: Sie ordnet die Kultur entlang des Imperativs des selbst gesteuerten Individuums. Wurde ab Anfang der 1980er-Jahre der „schlanke Staat“ eingeführt, sollten die Bürger kräftig nachziehen. Wer in einer atemlosen Gesellschaft Anerkennung will, darf schließlich nicht abschlaffen. Auch nicht im eigenen Schlafzimmer. Dank Viagra-Doping zog selbst dort eine sportliche Leistungsordnung ein, die buchstäblich keine natürlichen Grenzen mehr kennt. Positiver Nebeneffekt der Lektüre: Wer sich die ideologischen Untiefen der Fitnessgesellschaft so geballt vor Augen führt, fühlt sich beim Verspeisen der Weihnachtsgans schon fast im kulinarischen Widerstand.