Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Eine Rezension von Marianna Lieder, veröffentlicht am

Entspannt euch! - Die Historikerin Hedwig Richter untersucht die deutsche Demokratiegeschichte – und findet eine so wechselhafte wie lernfähige „Affäre von Krise und Glück“

Demokratische Staaten mussten in jüngster Zeit allerlei aushalten – Donald Trump in den USA, das Erstarken des Rechtsaußenlagers in Europa, den Niedergang altgedienter Volksparteien, den Brexit. Jetzt wurden coronabedingt auch noch Grundrechte einge -schränkt. Wo soll das nur enden?

Hedwig Richter rät zur Gelassenheit. Krise, meint die Münchner Historikerin, sei nun einmal der Modus schlechthin der Demokratie. So ist es von Anfang an gewesen. Denn an der Wiege der modernen liberalen Staatsform stand eben nicht die eine hehre Theorie Pate, sondern ein Konglomerat aus Praktiken und Ideen, die miteinander teilweise in heftigem Zwist lagen. Vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart zeichnet Richter die Irrungen, Wirrungen, Brüche und Neujustierungen der Demokratie-Entwicklung nach und schärft den Blick für die Komplexität des Geschehens. Neben Parteienund Politikgeschichte wird hier ebenso eine Geschichte des Körpers und der Gefühlswelten erzählt. Es geht um das Mitleid, das als emotionale Basis der Humanität entdeckt wurde, ebenso wie um den beschwerlichen Weg, den das Recht auf Unversehrtheit des Körpers nehmen musste, bis es auch für jene galt, die nicht weiß und/oder männlich waren.

Mit Revolutionskitsch und der Verklärung des „Volkes“ kann Richter wenig anfangen. Demokratie, so lautet eine ihrer ausgewogen vorgetragenen Thesen, sei nicht immer, aber häufig eine Angelegenheit von Eliten gewesen. Reformen hätten sich im Vergleich zu Barrikadenkämpfen als zielführender erwiesen. Auch das Klischee von Preußen als protofaschistischem Obrigkeitsstaat, der nur Pickelhauben-behelmte Untertanen produziert habe, wird souverän demontiert. Für Richter führte kein deutscher Sonderweg ins „Dritte Reich“. Dafür arbeitet sie heraus, wie das NS-Regime auf der Grundlage von alten demokratischen Traditionen entstand. Schutz vor dem Absturz in den Terror bietet auch die Demokratie nicht. Aber in der Nachkriegszeit hat sich erwiesen, wie extrem lernfähig sie ist. Na dann, frei nach Willy Brandt: Mehr Optimismus wagen.