Der Dichter-Denker

Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer, veröffentlicht am

Friedrich Hölderlin war der Poet der Philosophen. Zum 250. Geburtstag des schwäbischen Griechenlandbewunderers laden drei neue Bände zur Wiederentdeckung ein

Es gibt kulturhistorische Konstellationen, die selbst kühne Tagträumer kaum schöner ersinnen könnten: Ende der 1780er-Jahre trafen Hölderlin, Hegel und Schelling am Tübinger Stift zusammen, der theologischen Kaderschmiede schlechthin. Friedrich Hölderlin (1770–1843) stammte aus dem schwäbisch-pietistischen Milieu der „Ehrbarkeit“: Sein Vater war früh verstorben, und die Mutter setzte ihren Ehrgeiz darein, den Sohn in die Pfarrerslaufbahn zu drängen. Dieser allzu ehrbare Weg war ihm allerdings suspekt; ihm stand der Sinn nach einer poetischeren Existenz.
Hölderlin, Hegel und Schelling nahmen nicht nur regen Anteil an den Umwälzungen der Zeit – die Französische Revolution war wie ein Weckruf für eine zur Subordination erzogene Jugend. Vor allem die philosophischen Debatten erregten die Gemüter; mit glühendem Verstand und schwärmerischem Herzen lasen sie Rousseau und Spinoza, verschlangen Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und fanden in Fichtes Erhöhung des „Ich“ einen Anstoß, der sie ins Zentrum der Geisteswelt katapultierte. „Diese Euphorie wirkte im Hintergrund, als Hölderlin, Hegel und Schelling ein Jahr später die Umrisse einer neu zu stiftenden Mythologie skizzieren“, schreibt Rüdiger Safranski in seiner Hölderlin-Biografie. 1796 war das, als „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ in der Handschrift Hegels verfasst wurde. Alles weist darauf hin, dass Hölderlins und Schellings ruhelose Gedanken daran mitgeschrieben hatten.

Hölderlins 250. Geburtstag wird auf dem Buchmarkt gerade zum Anlass, noch einmal eine große Party auszurichten. Von Dichtern und Denkern in aller Welt verehrt, hat dieses Genie allerdings in unseren transzendental eher abgespeckten Zeiten keine größere Lesergemeinde mehr. Safranski vermutet, dass im Gegensatz zu Hölderlin uns Heutigen „zu wenig von Göttern ward, um ihn noch angemessen verstehen zu können“. Der Biograf wünscht sich, dass man sich dieser insularen Dichtung wieder nähern möge. Sein Buch ist nicht die schlechteste Brücke, uns auf diesen fernen Kontinent zu führen.

In den höchsten Höhen der Philosophie wurde Hölderlin irgendwann die Luft zu dünn und der poetische Radius zu beschränkt. „Das Mißfallen an mir selbst“, schrieb er, „hat mich in die Abstraction hineingetrieben“. Suchte er zunächst noch den Anschluss ans akademische Milieu – in Jena, dem Mekka des Idealismus –, so kehrte er diesem bald den Rücken. Der Mythos konnte nur wiedergeboren werden in der Poesie, die ins Offene führt. Der Gott seiner Kindheit wurde durch die griechischen Götter ersetzt; diese wollte Hölderlin mit seiner Lyrik zurück ins Bewusstsein einer entzauberten Welt rücken. Die Antike Hölderlins, das lernen wir deutlicher noch als bei Safranski im neuen Buch Karl-Heinz Otts, ist eine reine Wunschmaschine: Nur weil man weder das zeitgenössische noch das historische Griechenland wirklich kannte, konnte es zu einer gewaltigen Projektionsfläche existenzieller Sehnsucht werden. Otts Essay trägt den suggestiven Titel „Hölderlins Geister“ und beginnt da, wo Safranski endet: bei der Wirkungsgeschichte. Der Dichter war, seit seinem verwirrten Ende im Tübinger Turm, zwar nicht ganz vergessen – aber doch der literarischen Welt abhandengekommen. Das änderte sich, als Nietzsche in Hölderlin seinen dionysischen Vorfahren entdeckte. Es blieb allerdings nicht bei der Wiederentdeckung. Hölderlin wurde regelrecht vereinnahmt. Sein hoher, an Pindar geschulter Ton machte ihn anschlussfähig – und zwar an verschiedenste Strömungen. Der George-Kreis sah in ihm einen Propheten. Für Heidegger wurde Hölderlins hymnische Anrufung der Heimat zum Leitmotiv: Die „Seynsvergessenheit“, die von Platon über das Christentum zur Aufklärung geführt habe, bot Heidegger reichlich Anlass zur Klage – bei Hölderlin fand er das Verlustgefühl dramatisch formuliert. Die Nazis ließen die vaterländischen Hymnen in riesiger Auflage als Feldausgabe für die Wehrmacht drucken.

Nach dem Krieg ging es dann stracks in die andere Richtung. Hölderlin wurde zum Jakobiner. Peter Weiss schrieb ein Stück über ihn, da kommt er einem fast vor wie ein Frühmarxist. Den französischen Denkern Bertaux und Foucault geriet er zum Sinnbild eines Menschen, den die herrschende Gesellschaftsordnung für verrückt erklärt. Die ideologischen Kämpfe, für die Hölderlin herhalten musste, beschreibt Ott aus der Distanz des Nachgeborenen mit Scharfsinn und feiner Ironie. Wie Safranski plädiert er dafür, sich den Dichter jenseits seiner interessegeleiteten Fürsprecher heute noch einmal unvoreingenommen zu erobern. Diese Möglichkeit besteht mit einem von Navid Kermani herausgegebenen Auswahlband. Hölderlins Dichtung, entstanden aus der Spannung von überreizter Geisteskraft und bürgerlichem Scheitern, habe zur „größten Explosion in der deutschen Literatur“ geführt. Man muss nicht wie Kermani eine „Offenbarung“ im religiösen Sinne wahrnehmen, sondern kann schlicht die Wortmusik bewundern – auch in der nämlich spricht bis „zur letzten Konsequenz des Ichverlusts“, wie es im Nachwort heißt, „das Allgemeine durch Hölderlin hindurch“.

 

Friedrich Hölderlin
Bald sind wir aber Gesang. Eine Auswahl aus seinen Werken und Briefen. Von Navid Kermani,
C. H. Beck
256 Seiten 
20 €

Karl-Heinz Ott
Hölderlins Geister
Hanser
236 Seiten
22 €

Rüdiger Safranski
Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!
Biographie
Hanser
400 Seiten
28 €