Der Gebrauch der Körper

Eine Rezension von Cord Riechelmann, veröffentlicht am

Sklavenleben – Der „Homo sacer“-Zyklus des italienischen Philosophen Giorgio Agamben reicht im jetzt erscheinenden letzten Band zurück bis zum nackten Leben bei Aristoteles

Mit „Der Gebrauch der Körper“ liegt jetzt endlich – das italienische Original erschien bereits 2014 – der „Homo sacer“-Zyklus von Giorgio Agamben auch hierzulande vollständig vor. Zwischen dem ersten Band, 2002 bei Suhrkamp veröffentlicht, und dem neunten und letzten Band, den S. Fischer herausbringt, liegen fast zwei Jahrzehnte – und eine Rezeption, die zwischen begeisterter Aufnahme, übler Nachrede oder sogar dem Versuch schwankte, Agambens Denkanstrengungen ganz zunichtezumachen. So umstritten der Philosoph hierzulande ist, so groß war allerdings auch sein weltweiter Einfluss, wovon nicht nur die französischen und englischen Taschenbücher zeugen, die alle „Homo sacer“-Bände in einem Buch versammeln.

Agamben hat nie lockergelassen in seinem Versuch, ein politisches Element zu denken, das die großen abendländischen Spaltungen von Öffentlichem und Privatem, Politik und Individuum aufhebt. Dem nackten, ausgeschlossenen Leben steht das zur Politik qualifizierte Leben gegenüber, belegt er in seinen historisch weit ausholenden Untersuchungen. Sein Projekt könnte man beschreiben als eines, das die Umrisse einer neuen Lebens-Form aufzeigt: die Politik von ihrer Stummheit gegenüber dem Einzelnen und die individuelle Biografie von ihrer Idiotie und Machtlosigkeit zu lösen. Hatte der erste Band des „Homo sacer“ in den Blick genommen, was Auschwitz den Körpern und den Menschen angetan hatte, so landet Agamben jetzt an der Quelle der Unterscheidung, die es möglich macht, Leben und Menschen in nackt und qualifiziert zu spalten. Aristoteles hatte die Arbeit der Sklaven im Unterschied zur Tätigkeit, die Neues hervorbringt, bloß als „Gebrauch der Körper“ begriffen. Der Sklave bringt nichts hervor, er gebraucht bloß seinen Körper. Woraus in Agambens Gebrauch des Aristoteles aber keine Verdammung von dessen Denken wird, sondern ein erstaunlicher Ausblick auf eine Welt, die eben diesen Gebrauch der Körper vergesellschaftet – und nicht in Herrschaftsbeziehungen als Besitz privatisiert.