Die Wildnis. Die Seele. Das Nichts. Über das wirkliche Leben

Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer, veröffentlicht am

Spielarten der Verwandlung – Narrative Philosophie: Michael Hampe lotet in „Die Wildnis. Die Seele. Das Nichts“ drei existenzielle Orte des Übergangs aus

Der Mensch ist, auch wenn erdurch die Ökonomisierung von Bildung und Wissen auf rein zweckorientierte Gleise gesetzt werden soll, ein erfahrungshungriges Wesen. Wir suchen nach existenziellen Wahrnehmungsabenteuern, um unserem Leben näherzukommen, etwa indem wir uns willentlich in Gefahr begeben, einen Berg hinaufklettern oder in die Wildnis eindringen. Die Seele möchte nicht gleich gebaumelt, sondern erst einmal gefunden und geläutert werden. Das transzendierende Sich-Aussetzen ist ein Schritt aus dem Begrifflichen ins Unberechenbare. Ein poetischer Akt. Die letzte Transformation, die der Mensch unweigerlich bewältigen muss, bleibt allerdings ein unlösbares Rätsel: Wer die Passage vom Leben in den Tod durchschritten hat, ist Teil einer anderen, unserer Vorstellungskraft enthobenen Dimension. „Noch niemand ist zurückgekommen, um von der Verwandlung, die er vielleicht durchlief, berichten zu können.“
Der Lyriker Moritz Brandt beschäftigt sich mit solchen transitorischen Prozessen. In drei Essays, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, stellt er Parallelen fest zwischen unterschiedlichen Spielarten der Metamorphose: „Die Wildnis“, „Die Seele“, „Das Nichts“ – so heißen die denkerischen Fingerübungen Brandts, und so lautet auch der Titel von Michael Hampes neuem Buch. Man könnte es einen philosophischen Roman nennen, „narrative Philosophie“, wie der an der ETH Zürich lehrende Philosoph in seinem Nachwort schreibt. Denn dieser Moritz Brandt ist eine erfundene Gestalt, eine Mischung aus avantgardistischem Lyriker à la Thomas Kling und einem Tagebuchschreiber à la Wolfgang Herrndorf. Ein genialischer Held, dem die Philosophie als Erkenntnisinstrument nicht genügt und den es deshalb zur Lyrik drängt. 

Die brandtschen Überlegungen bilden die Grundpfeiler von Hampes Buch. Um sie herum ist die Rahmenhandlung konstruiert: Aaron, ein langjähriger Freund Moritz Brandts und, im Gegensatz zu diesem, eine barocke Figur, schreibt an der Biografie des jung an Krebs verstorbenen Dichters. Er sitzt in seiner Zürcher Wohnung, den Keller voller Vorräte, denn um ihn herum tobt ein globaler Krieg – dieses dystopische Motiv bildet die Außenwelt der Innenwelt dieses Romans. Aaron ist gefangen in seiner Schreibklause, aber immerhin hat er Gesellschaft. Kagami heißt die körperlose, den Biografen aber doch erotisierende Stimme aus dem virtuellen Jenseits, ein sich aus Archiven und simulierten Erlebnissen speisendes Gegenüber, das zum Sparring-Partner bei gelehrten Diskussionen wird. Hinzu kommt eine ehemalige Dozentin des Lyrikers, aus deren Tagebüchern Kagami fleißig zitiert. 

Zwischen diesen Ebenen und Figuren bewegt sich das Buch, das Fragen nach dem wirklichen Leben und einem Leben nach dem Tod durchspielt. Die literarische Suggestionskraft aber bleibt schwach: ein narrativer Zugriff, der sich aus der Anlage des Textes heraus erklären ließe. Denn ganz am Ende erfahren wir, dass die virtuelle Kagami (japanisch für Spiegel!) die Verfasserin dieser Aufzeichnungen ist: Auch die Maschine möchte sich ausdrücken und „erinnern“. Zumindest reflektieren, was es mit unserer Sehnsucht nach Unsterblichkeit auf sich hat, mit unseren Übergangsritualen und unserem Wunsch, durch Kinder weiterzuleben. Empfinden kann sie all das freilich nicht.

Hampe, der mit Büchern über „Das vollkommene Leben“ und „Tunguska oder Das Ende der Natur“ auch einem größeren Publikum bekannt wurde, ist kein Romancier, doch der erzählerische Rahmen ermöglicht es ihm, die verschiedenen Essays miteinander zu verbinden und zu kommentieren. Die Erfahrungssimulation künstlicher Intelligenzen taucht ebenso auf wie Überlegungen zur Konstruktion von Biografien. „Welche Rolle spielen Erzählungen, die man über sich selbst hört oder die man über sich selbst produziert, in dieser Suche nach dem wirklichen Leben?“ Die Antwort könnte lauten: Erst sie verhelfen uns zu einem wahrhaftigen, eigensinnigen Bewusstsein, jenseits aller Doktrin; erst sie führen zu einer Weisheit, die sich nicht an pseudowissenschaftlichen Denkmustern orientiert.