Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollen

Eine Rezension von Lea Wintterlin, veröffentlicht am

Vergeben und Vergessen

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Nicht nur im Christentum gilt die Vergebungsbereitschaft als hohe Tugend. Aber was passiert eigentlich genau, wenn wir jemandem verzeihen? Das Buch der Philosophieprofessorin Susanne Boshammer will weder ein Ratgeber sein noch einen philosophiegeschichtlichen Überblick in Sachen Verzeihen liefern.

Stattdessen nähert sich die Autorin, ganz in sprachanalytischer Tradition, dem Phänomen durch eine Beobachtung der Alltagssprache. Mit zahlreichen, leicht nachvollziehbaren Beispielen grenzt sie scharfsinnig und exakt das Verzeihen von verwandten Phänomenen ab – wie das Entschuldigen, Vergessen oder Nachsehen. Denn anders als es zum Beispiel das Sprichwort „vergeben und vergessen“ nahelegt, versinkt, wenn wir verzeihen, das Geschehene nicht einfach im Ozean der Vergangenheit, noch sprechen wir den Täter von seiner moralischen Schuld frei. Und dennoch erlauben wir ihm, mit sich ins Reine zu kommen. Das widerspricht jeglicher Logik der Ökonomie, in der eines immer ganz genau gegen das andere aufgerechnet wird. Dem geht Boshammer jedoch nur am Rande nach.

Das Interesse der Philosophin liegt vor allem in einer moralisch-praktischen Abwägung der Gründe für und wider das Verzeihen. Damit tendiert das Buch an manchen Stellen dann doch ein wenig Richtung Ratgeber. Hat wirklich jeder das Geschenk des Verzeihens verdient? Muss ich meinen Eltern vergeben, dass sie mich als Kind zur Strafe immer in den Keller gesperrt haben? Widerspricht es nicht den Prinzipien der Gerechtigkeit, wenn wir den anderen so leicht davonkommen lassen oder fordert nicht im Gegenteil unsere Menschlichkeit, dass jeder eine zweite Chance verdient hat? So sorgfältig und klug Boshammers Argumentation konstruiert ist, nimmt sie dem Phänomen des Verzeihens doch viel von seiner Rätselhaftigkeit. Am Ende ist das Buch vor allem Anleitung und Appell, nach sorgfältigem Nachdenken doch dem Verzeihen den Vorzug zu geben. Aber natürlich nicht immer.