Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken eines Übergangs

Eine Rezension von Katharina Teutsch, veröffentlicht am

Ein Stück vom Horizont – Der Philosoph und Gender-Theoretiker Paul B. Preciado berichtet von seiner Geschlechtsumwandlung und dem utopischen Potenzial des Dazwischen

Der Vater wurde auf „die Rolle eines repressiven Vertreters des Gesetzes des Geschlechts reduziert“, der Mutter wurde „alles aberkannt, was über ihre Gebärmutterfunktion hinausgehen könnte“. Paul B. Preciado ist angetreten, den heterosexuellen Vertrag seiner Eltern zu ersetzen. Durch einen „kontrasexuellen“.

Schon früh fühlte sich Preciado, damals noch Beatriz, zu Mädchen hingezogen. Auf der Klosterschule machte sie die Erfahrung, dass ihr Begehren die Schatten der Scham weit vorauswarf: auf die Eltern, die Schulkameraden, die Zukunft. Beatriz gelang es, der inneren Stimme trotzdem zu folgen, und sie lebte die längste Zeit ihres Lebens als „radikale Lesbe“. Sie wurde eine bekannte Queer-Theoretikerin und schrieb unter anderem ein ins Deutsche übersetztes Buch über das utopische Interior Design des Magazins Playboy: „Pornotopia“. Dann wollte sie zu anderen Ufern, besser gesagt: zu anderen Planeten aufbrechen. Ihre Kolumnen, verfasst hauptsächlich für die französische Zeitung Libération, sind „Chroniken eines Übergangs“. Sie kommentieren das intellektuelle Zeitgeschehen zwischen 2013 und 2020 – und die Transformation des Körpers von Beatriz in den von Paul, wie sich Preciado per Pass seit einigen Jahren nennt.

„Ein Apartment auf dem Uranus“ lautet der Titel dieser Textsammlung. Er bezieht sich einerseits auf den griechischen Gott Uranos, den Gaia ohne Befruchtung empfangen hatte; andererseits greift Preciado die Gender-Pionierarbeit des deutschen Juristen Karl Heinrich Ulrichs auf, der vor 160 Jahren den „Uranismus“ erfand, um die Männerliebe zu erklären: Schwule Männer waren weibliche Seelen, gefangen in männlichen Körpern.

Fast alle Kolumnen, die von der Transformation von Beatriz zu Paul zeugen, wurden in Flugzeugen und Hotelzimmern geschrieben. Preciado legt besonderen Wert auf alles Fluide, Transitorische, Migrantische. So empfindet er auch seine „Geschlechtsanpassung“, wie die erforderlichen Eingriffe im Jargon der Medizin heißen: eben nicht als Anpassung an eine weitere Norm, sondern als Reise ins Dazwischen. Paul will kein Mann sein. Das ist die eigentliche Überraschung an seinem Bericht. „Ich bin die Vielfalt des Kosmos, gefangen in einem binären politischen epistemologischen Regime“, erklärt er. „Wie Ulrich bringe ich keine Neuigkeiten von den Rändern, ich bringe Ihnen ein Stück vom Horizont.“

Nicht Mannwerden war das Ziel, sondern „verkennbar“ werden. Das hatte seinen Preis. Die Geschlechtsumwandlung sei nicht, wie viele meinen, der Sprung in die Psychose: „Das Fließende der aufeinander folgenden Inkarnationen prallte auf den sozialen Widerstand, der sich dagegen richtete, die Existenz eines Körpers außerhalb der Geschlechterbinarität zu akzeptieren.“ Der Wechsel des Geschlechts bleibe trotz einer immer gängigeren Praxis im klinischen Bereich ein häretischer Akt. Wer ihn vollzieht, muss mit dem Hass derer leben, die ihre Welt nicht derart infrage gestellt wissen wollen. So wurde Preciado auch zum Gesellschaftskritiker, der die Machtpraktiken der heteronormativen Ordnungshüter aufspürt, wo andere nur die Macht des Faktischen am Werk sehen. Ob er über den Nationalstaat und Katalonien nachdenkt, über den „pharmapornografischen Kapitalismus“, über Mutterschaft, Migration oder über das neue Corona-Überwachungsszenario: Laut und deutlich tönt der Cheftheoretiker von „Überwachen und Strafen“ aus Preciados biomachtsensiblen Kolumnen hervor: Foucault steht Pate, wo es zu zeigen gilt, wie das Individuum von den gesellschaftlichen Institutionen zugerichtet wird. Wer sich vom teilweise epigonalen Jargon Preciados nicht abschrecken lässt, der kann viel lernen aus dem Reich zwischen den Geschlechtern. Das utopische Potenzial dieser Körper- und Gedankenspiele liegt auf der Hand: Die Sprache der Geschlechterdifferenz soll aufgegeben werden zugunsten eines viel offeneren Verständnisses vom Menschen. Dazu gehört auch eine Neubewertung der Liebe – einer der ehrlichen Höhepunkte dieser Essaysammlung aus der Lebenswelt des fröhlichen Uranisten Paul Preciado.