Fernreisefantasien

Eine Rezension von Jutta Person, veröffentlicht am

Bücher – Kurz und bündig

Wer in diesem Sommer noch mal den Bleib-zu-Hause-Philosophen Blaise Pascal zitiert (das Unglück, die Menschen, das Zimmer), muss bitte auch seine „Pensées“ zusammenfassen. Die folgenden Bücher bieten dagegen neue Reise-Metaperspektiven, ohne das Anderswo-sein-Wollen gleich zum großen Unglücks- oder Glücksgenerator zu stilisieren. Monique Truongs Roman „Sweetest Fruits“ (C. H. Beck, 23 €) erzählt von Lafcadio Hearn (1850–1904), der das Japanbild um 1900 prägte. Truong lässt vier Frauen auftreten, die den schwärmerischen Exotismus des Schriftstellers beschreiben – vor allem seine japanische Ehefrau legt das Sehnsuchtsgeflecht aus Anbetung und Vereinnahmung offen, das Hearns Blick auf den Fernen Osten bestimmte. Ein ähnliches Verklärungsmuster zeigt sich auch in Thomas Wolfes „Deutschlandreise“ (Manesse, 25 €). Der germanophile Amerikaner tourt von 1926 bis 1936 durchs Land, und allmählich kippt seine Bewunderung für das Märchenland in Abscheu vor dem NS-Staat. Aber zurück zum Reisen: Völlig neue Dimensionen eröffnen Hans Frickes Erinnerungen „Unterwegs im blauen Universum“ (Galiani, 25 €). Der Meeresforscher lässt seine Tauchabenteuer Revue passieren. Ob am Roten Meer oder in den Alpenseen, sein faszinierender Lebensbericht vermittelt auch Nichtbiologen die Unterwasserwelt: Tiefenrausch durch Leseerleuchtung. Eine unüberbietbare, weil vierdimensionale Perspektive ermöglicht schließlich das „Handbuch für Zeitreisende“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz (Rowohlt, 20 €). Von den Sauriern bis ins Weltall wird deutlich: „Sie benötigen dringend einen neuen Reiseführer.“ Nimm dies, Blaise Pascal.