Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)

Eine Rezension von Jörg Magenau, veröffentlicht am

Ein Quartett für die Freiheit – Mit Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand erkundet Wolfram Eilenberger, was es heißt, philosophisch zu leben und zu arbeiten

Das Konstruktionsprinzip hat sich bewährt. Man nehme vier herausragende Figuren und setze sie wie Schachfiguren zueinander ins Verhältnis. In Wolfram Eilenbergers philosophiegeschichtlichem Bestseller „Zeit der Zauberer“ waren es vier Herren: Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin und Ernst Cassirer. Im Fortsetzungsband „Feuer der Freiheit“ sind es vier Damen, die mit- und gegeneinander agieren: Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand. Die Perspektive weitet sich ins Internationale: Paris, London, Spanien, New York, Hollywood sind die Orte der Handlung oder vielmehr des Denkens, weil Denken im Kontext der Philosophie schon Handeln ist – obwohl das Denken bei diesem Quartett stärker auf politische Konsequenzen orientiert ist. Das kommt dem Buch zugute. Auf das „große Jahrzehnt der Philosophie“, die 1920er-Jahre, lässt Wolfram Eilenberger, ehemaliger Chefredakteur des Philosophie Magazins, nun die „Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten“ folgen. Diese Rettung kann nur außerhalb Deutschlands gelingen. Es sind die Jahre der Flucht, des Exils, des Spanischen Bürgerkriegs, der Moskauer Prozesse, des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Frankreichs – doch wie sich am Beispiel der Denkerinnen zeigt, sind es keine schlechten Jahre für die Philosophie.

Mit Walter Benjamin kommt einer der Protagonisten erneut vor; seine Geschichte wird – vermittelt über die Bekanntschaft mit Arendt – bis zum Selbstmord in den Pyrenäen im September 1940 zu Ende erzählt. Auch Heidegger bleibt präsent, da die Phänomenologie nicht nur das Denken der einstigen Geliebten Arendt beeinflusst, sondern auch den französischen Existenzialismus Beauvoirs und Sartres prägt. Sogar die radikal allem Weltelend zugewandte Simone Weil wäre nach ihrer christlichen Erweckung ohne Heideggers Daseins-Begriff nicht zu verstehen.

Wie Denken wirkt, weiterwirkt und sich in der Übernahme verwandelt – das lebendig nachzuvollziehen, ist eine der vielen Qualitäten des Autors Eilenberger. Es gibt bei ihm keinen Bruch zwischen Erzählen, Zusammenfassen und Erläutern. Romanhaftes und Essayistisches gehen direkt auseinander hervor. Dabei verbindet er Biografisches so dezent mit der Sache des Schreibens und Denkens, dass es nie ins bloß Anekdotische abgleitet, selbst dann nicht, wenn es bei Beauvoir und Sartre um die erotischen Vorlieben innerhalb der „Familie“ geht, wo man sich junge Liebhaber und Liebhaberinnen wechselweise zur Verfügung stellt und sich über deren sexuelle Vorzüge austauscht. Auch solche heiklen Details sind aufgehoben in der philosophischen Grundfrage des Buches nach dem Verhältnis zu den „Anderen“: Die solipsistische Beauvoir wird von dieser Grundfrage ebenso umgetrieben wie die Jeanne-d’Arc-hafte Weil, die radikalliberale Egomanin Rand und die glasklar analysierende Menschenfreundin Arendt. Keine dieser Grundpositionen ist verkehrt, keine wäre für sich alleine ausreichend, niemand hat recht oder unrecht. Sie können in ihrer jeweiligen Radikalität aber nur so ausfallen, weil es die anderen – und damit einen größeren Horizont – gibt, in dem sie aufgehoben sind. Auch darin liegt eine – unausgesprochene – Antwort auf die Bedeutung der anderen.

Eilenberger ist ein vorzüglicher, neutraler Arrangeur, auch wenn seine Sympathien wohl eher Arendt und Weil und weniger Rand und Beauvoir gelten. Engführung, Anziehung, Differenz, Übereinstimmung oder der „telepathische Kontakt zweier Geister, die von den beiden Enden eines unendlich langen Fadens in gespannter Resonanz stehen“, wie er Beauvoir und Weil zueinander ins Verhältnis setzt, dienen nicht nur der Schärfung der Profile im Kontrast. Sie lassen zugleich ein mosaikhaftes Zeitpanorama entstehen, das untergründig immer auch der Frage nachgeht, was Philosophie überhaupt ist und was es heißt, philosophisch zu leben und zu arbeiten. „Nur Gimpel oder Ideologen halten Konsens für ein Ziel des Denkens“, sagt Eilenberger. Das jederzeit lustvoll sichtbar werden zu lassen, macht „Feuer der Freiheit“ zu einer anregenden, klugen und äußerst unterhaltsamen Lektüre. •