Fiktionen

Eine Rezension von Gert Scobel, veröffentlicht am

Markus Gabriel analysiert den Menschen als Vorstellungswesen

Immer wieder entstehen philosophische Werke, die die vielfältigen Konstellationen der Zeit mit großer Klarheit durchdringen. Die eigene Zeit zu verstehen, indem widersprüchlich scheinen -de Tendenzen auf einen verborgenen gemeinsamen Nenner zurückgeführt werden, ist entscheidend für Philosophie und Gesellschaft. Fiktionen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie sind Zugänge zum Verständnis von Menschen und Wirklichkeiten. Denn Menschen sind Vorstellungswesen, die ihre Vorstellungen mit einer Wirklichkeit abgleichen müssen, der sie nicht entrinnen können.

Und Fiktionen? Sie sind nur hilfreich, solange man weiß, wofür sie stehen. Die 600 Seiten, die Markus Gabriel in seinem bestechend präzisen Buch aufwendet, ordnen viele unterschiedliche Zeitphänomene und interdis -ziplinäre Zusammenhänge neu. Es geht dabei um nichts Geringeres als eine umfassende Anthropologie. Auf dem Weg dorthin durchmisst Gabriel drei verschiedene Dimensionen menschlicher Fiktionen, die er im Sinne eines fiktionalen, mentalen und sozialen Realismus analysiert. Dass Fiktionen vielfach mit der sozialen und mentalen Wirklichkeit rückkoppeln, ist dabei nur der Einstieg in sein Basislager der „Sinnfeldontologie“, das mit dem Buch „Sinn und Existenz“ errichtet wurde. Das höher gelegene Camp des Fiktionalen Realismus erreicht Gabriel, weil er durch die harte Schule der analytischen Philosophie und Logik gut trainiert ist.

Als Vertreter des Neuen Realismus baut er nun den Bereich des fiktionalen Realismus aus und greift von dort eine außer sich geratene Naturwissenschaft an, die ihr eigenes Nichtwissen verkennt, um kompensatorisch an die Stelle anderer menschlicher Selbstbeschreibungen treten zu können. Mit der „humanistischen Unhintergehbarkeitsthese“ zeigt Gabriel, dass der Mensch als geistiges Lebewesen die Ausgangslage aller Forschung einnimmt. Von dort aus erschließt sich die komplexe Architektur unterschiedlicher Sinnfelder ebenso wie die der Fiktionen: Erst mit ihnen wird es Menschen überhaupt möglich, das, was sie ausmacht, mit eigens dafür entwickelten Methoden (nicht zuletzt denen der Philosophie und Geisteswissenschaften) zu erkunden.

Beeindruckend ist die Art und Weise, wie Gabriel der begrifflichen Verwirrung und Unschärfe begegnet. Es hat etwas ebenso Leichtes wie Unmissverständliches, wenn er – oft auf wenigen Seiten – Theorien wie Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ kritisch aufnimmt, um sie, etwa mit Blick auf die digitalisierte Öffentlichkeit, neu auszurichten. So tritt er auch den KI-Gläubigen und der Welle euphorischer Digitalisierung entgegen.

Was bleibt, sind jene Fiktionen, die uns klarmachen, wer und wie wir sind – und mit deren Hilfe wir versuchen, zu denen zu werden, die wir sein wollen.