Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus

Eine Rezension von Lea Wintterlin, veröffentlicht am

Für einen Liberalismus der Schwachen – Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller ordnet die Begriffe, stellt ein politisches Modell auf den Prüfstand – und schlägt einen „Liberalismus der Furcht“ vor

In den gegenwärtigen Debatten hat der Liberalismus keinen guten Stand. Von rechts werden die vermeintlich liberalen, kosmopolitischen Eliten beschossen, von links die Allianz mit einem ungezügelten Kapitalismus kritisiert. Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller will nun Ordnung in die Diskussion bringen und mit falschen Gleichsetzungen und Verallgemeinerungen aufräumen. Die große Stärke seines Essays besteht darin, die Begrifflichkeiten einer genauen Prüfung zu unterziehen und ihre Narrative zu entlarven. So verschleiere der von Viktor Orbán geprägte Begriff der „illiberalen Demokratie“, dass in den so bezeichneten Staaten nicht nur dem „Wildwestkapitalismus“ abgeschworen, sondern durchaus auch Demokratie abgebaut wird. Die beliebte Rede vom „Linkspopulismus“ wiederum verkennt, dass Populismus meist mit antipluralistischen Ansichten einhergeht, was auf linker Seite schlicht nicht der Fall ist.

Vor allem aber wendet sich Müller gegen die Annahme, „der“ Liberalismus gerate derzeit ins Wanken. Wie die Ideengeschichte zeigt, kann er ganz verschiedene Ausprägungen entfalten – vom Imperativ der individuellen Selbstvervollkommnung bis zum Wunsch, vor einer übermächtigen Staatsgewalt geschützt zu sein. Um nun ein politisches Modell für die Gegenwart starkzumachen, führt Müller den „Liberalismus der Furcht“ ins Feld: Dieser geht auf die amerikanische Politikwissenschaftlerin und Liberalismustheoretikerin Judith Shklar zurück und findet sein oberstes Ziel in der Vermeidung von Grausamkeit. Ein solcher Liberalismus der Schwachen sensibilisiert für Erfahrungen von Leid und Ausgeliefertsein – auch für das Ausgeliefertsein im Kapitalismus. Ein Liberalismus also, der die blinden Flecken eines politischen Systems ausfindig macht, das immer in irgendeiner Form Macht ausübt. Damit wird letztlich das geschützt, was man als Herz des Liberalismus fassen könnte: die Sicherung der Grundrechte wie Freiheit und Gleichheit.