Handeln in der Heißzeit

Eine Rezension von Ronald Düker, veröffentlicht am

Endlich wächst zusammen, was zusammengehört: Klima und Ethik. Vier lesenswerte Bände setzen unterschiedliche Schwerpunkte

Dass die Klimakrise das dringendste globale Problem der Gegenwart ist, kann nur bestreiten, wer sich mutwillig aus der Realität verabschiedet. Auf diesen epistemologischen Unterschied verwies zuletzt die 16-jährige Greta Thunberg: Manche verließen sich eben auf das Wissen, während andere das Klima zur Glaubensfrage erklärten. Gilt aber Glaubensfreiheit, wenn die sieben heißesten Jahre der Geschichte bewiesenermaßen in unser gegenwärtiges Jahrzehnt fallen? Warum verweigert die Politik die Konsequenzen, auf die sie sich doch selbst verpflichtet hat? Warum schwächelt der kategorische Imperativ, wenn es um ökologische Notwendigkeiten geht? Vier Neuerscheinungen gehen diese Fragen in aufschlussreicher Weise unterschiedlich an.

Jeremy Rifkin ist Ökonom, Naomi Klein Journalistin. Die Bücher der beiden signalisieren zumindest im Titel aktionistische Einmütigkeit: „Der globale Green New Deal“ (Rifkin); „Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann“ (Klein). Also wieder ein New Deal: Das Makrokonjunkturprogramm der amerikanischen 1920er-Jahre steht heute Pate für radikalen politischen Handlungsbedarf. Im Jahr 2005 stand Naomi Klein bis zur Hüfte in den Fluten des Hurrikans Katrina; seitdem habe sie wissen wollen, „was den elementaren Überlebensinstinkt der Menschheit außer Kraft setzt – warum so viele von uns nicht auf die offenkundige Tatsache reagieren, dass unser Haus in Flammen steht“. Solidarisch rekapituliert sie den Aufstieg des Ökoaktivismus und identifiziert die Akteure auf der anderen Seite: Es sind, wenig überraschend, die Unternehmen, die den fossilen Kapitalismus durch den Betrieb von Gasfeldern, Öl-Pipelines, Kohleminen befeuern, aber auch Gewerkschaften, die Pensionsgelder in die Fossilwirtschaft investieren. Dem solle nun eine Graswurzelbewegung entgegentreten. Wo die globalen politischen Machtzentren versagten, komme es auf kleine grüne Parteien an und auf Bewegungen, die oft aus den stark krisengebeutelten Ländern des Südens stammen. Massenmobilisierung von unten sei nötig, ein Marshallplan für die Erde. Klein verweist auf den Klimarat der Vereinten Nationen und zeigt, dass der ökologische Alarm keineswegs von Extremisten ausgelöst wird.

Rifkin dagegen interessiert sich als Ökonom dafür, wie der künftige Green New Deal zu finanzieren ist. Nach dem Motto „It’s the infrastructure, stupid!“ propagiert er – in frappierender Marktund Technologiebegeisterung – eine Sharing-Kultur, die dem fossilen Wirtschaften durch digitale Vernetzung den Garaus machen werde. Plattformökonomie versus Old-School-Industrie: Die über digitale Vernetzung flexibel organisierte Nutzung von Gütern und Dienstleistungen reduziere nicht bloß Energieverbrauch und CO2-Ausstoß, sie schaffe auch neue Jobs. Der „Ko-Konsum“ sei „das erste neue Wirtschaftssystem auf der ökonomischen Weltbühne seit dem Auftritt von Kapitalismus und Sozialismus im 18. und 19. Jahrhundert.“

Zu derart faktensatten und unmittelbar praxisbezogenen Büchern kommen solche, die dem ökologisch-ökonomischen Phänomen mit den Mitteln der philosophischen Ethik begegnen. Wie der Ökonom und Philosoph John Broome in dem Sammelband „Klimawandel und Ethik“ beklagt, haben sich seine beiden Disziplinen die längste Zeit ignoriert. Unter Bezug auf John Rawls’ Gerechtigkeitstheorie werden hier normative Begriffe diskutiert, in denen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise zu verstehen ist; die Umwelt als Ganzes im Blick, umfassen solche Begriffe auch die Rechte nichtmenschlichen Lebens. Und weil der Klimakrise ein offensichtlicher Zeitvektor eingeschrieben ist, geht es ebenso um intergenerationelle Ethik und moralische Kriterien für korrupte Verantwortungsverweigerung.

Auf fast schon dreist ostentative Weise verzichtet hingegen der amerikanische Philosoph Timothy Morton auf Zahlen und empirische Daten. Bücher über Ökologie seien schließlich selbst zum ökologischen Problem geworden: „verwirrender Informationsmüll, dessen Verfallsdatum bereits überschritten ist, wenn sie dir in die Hände fallen“. Mortons Buch heißt „Ökologisch sein“ und will doch von Ökologie nichts wissen. Nur eine „objektorientierte Ontologie“ (OOO) führe philosophisch weiter. Durch ihr Eingeständnis, dass es keinen „vollständigen Zugang zu einer Sache in ihrer Ganzheit gibt“, weise die OOO das Denken und damit den Anthropozentrismus der Ökologiedebatten in die Schranken. Zu lange habe man darauf beharrt, „dass der Mensch den Mittelpunkt von Bedeutung und Macht bildet“. Was heißt es hier, wenn Immanuel Kant zwischen der Realität und dem Realen unterscheidet und Heidegger die kategorische Trennung von Wahrem und Unwahrem unterläuft? Was lernen wir dazu von Star Trek und Blade Runner? Timothy Mortons Buch ist das rätselhafteste und anregendste auf dem naturgemäß noch viel höheren Stapel der neuen Ökologiebücher.


Naomi Klein
Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann
übers. v. B. Steckhan, S. Schuhmacher, G. Gockel
Hoffmann & Campe
352 Seiten 
24 €

Jeremy Rifkin
Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert
übers. v. Bernhard Schmid
Campus
319 Seiten
26,95 €

Jan Gehrmann
Ruben Langer, Andreas Niederberger (Hg.)
Klimawandel und Ethik
mentis
240 Seiten
29,90 €

Timothy Morton
Ökologisch sein
übers. v. Dirk Höfer
Matthes & Seitz
200 Seiten
20 €