Hegels Wissenschaft der Logik. Ein dialogischer Kommentar. Band 1

Eine Rezension von Gert Scobel, veröffentlicht am

Hegel trotz Hegel – Pirmin Stekelers grandioser Kommentar zum ersten Buch der „Wissenschaft der Logik“

Was für ein Aufschlag, gleich im ersten Buch der hegelschen „Wissenschaft der Logik“, das mit „Die Lehre vom Seyn“ überschrieben ist: „In neueren Zeiten erst ist das Bewusstsein entstanden“, schreibt Hegel dort, „dass es eine Schwierigkeit sei, einen Anfang in der Philosophie zu finden, und der Grund dieser Schwierigkeit so wie die Möglichkeit, sie zu lösen, ist vielfältig besprochen worden. Der Anfang der Philosophie muss entweder ein Vermitteltes oder Unmittelbares sein, und es ist leicht zu zeigen, dass es weder das Eine noch das Andere sein könne; somit findet die eine oder die andere Weise des Anfangens ihre Widerlegung“.

Eine solche Widerlegung betrifft auch den scheinbar sicheren, seit Descartes gepflegten Anfang einer jeden Philosophie mit dem zweifelnden, aber reinen Denken. Womit hat die -ses Denken angefangen, um bei sich und der Sache selbst zu sein, die es bedenkt? Man kann sich lange die Zähne ausbeißen an diesen Paragrafen, die ein Fundamentalproblem auf denkbar knappe und elegante Weise umreißen. Hegel, das zeigt sich hier und an vielen weiteren Stellen, kann seinem Ruf zum Trotz durchaus präzise und pointiert formulieren. Er will in der „Logik“ nicht nur zeigen, wie man das Problem löst, sondern zugleich klarstellen, dass die „objektive Logik“ an die Stelle dessen tritt, was zuvor noch summarisch als Metaphysik bezeichnet wurde. Es ist diese Logik des Begriffs, die jede Metaphysik ersetzen wird. Wie zuvor bei der „Phänomenologie des Geistes“ hat Pirmin Stekeler einen „dialogischen Kommentar“ verfasst. Stekeler lehrt theoretische Philosophie mit den (viel -leicht überraschenden) Schwerpunkten Handlungstheorie und analytische Philosophie. Vielleicht ermöglicht es ihm gerade diese Kenntnis des Hegelfeindlichen Lagers der angelsächsischen Tradition, „Hegel trotz Hegel“ verständlich zu machen. Sein 1300 Seiten dickes Buch bietet den ungekürzten Originaltext des ersten Bandes (Band 2 folgt), aber auch Einordnungen und Kommentare. Seine Interpretationen beziehen sich dabei nicht nur auf den hegelschen Text, sondern auch auf gegenwärtige philosophische Diskussionen. Und das macht das Buch erst recht spannend. 

Um ehrlich zu sein: Bislang hatte ich mich immer nur an einzelne Abschnitte der hegelschen Logik herangetraut. Denn es überfällt einen notorisch das Gefühl eigenen Ungenügens, begleitet vom Eindruck, sich in einem Dschungel der Erkenntnis zu befinden, in dem paradiesische Einsichten wachsen, aber zugleich auch viel Illusionäres wuchert. Stekelers klarer Kommentar hilft, Erkenntnisse und Irrwege zu unterscheiden und die weite Landschaft von „Band 1“ zu überschauen. Wer sich darauf einlässt, wird lange, sehr lange unterwegs sein mit diesem grandiosen Wegbereiter.