High Noon in Todtnauberg

Eine Rezension von Thorsten Jantschek, veröffentlicht am

Paul Celan und Martin Heidegger trafen sich seit 1967 mehrmals. Was verband und was trennte ihre Idee von Sprache? Drei Autoren folgen verschiedenen Spuren

Historische Vergleiche passen selten und drängen sich ständig auf. Wenn in einem deutschen Landtag der gerade gewählte Ministerpräsident einem Rechtsaußen die Hand reicht, möchte man an Paul Celan denken. Der Lyriker, dessen Eltern im KZ starben, fragte sich einmal, wem in Deutschland „man die Hand drücken kann, ohne Gewissensbisse haben zu müssen“. Umso interessanter ist, dass Celan – der literaturbesessen im jüdischen Czernowitz in der Bukowina aufwuchs, ein Arbeitslager überstand und über Bukarest und Wien nach Paris floh – sich seit 1967 mehrmals mit Martin Heidegger getroffen hatte. Hier der in den Nationalsozialismus verstrickte Denker, dort der jüdische Dichter der „Todesfuge“. Was hatten sie sich zu sagen? Der Germanist Gerhard Neumann jedenfalls sah sich seinerzeit als Zeuge eines „epochalen“ Gesprächs. Celan selbst hat darüber ein verrätseltes Gedicht geschrieben, als gelte es, die Deutungshoheit nicht zukünftigen Biografen zu überlassen.
Entsprechend übt sich Wolfgang Emmerich in Zurückhaltung: „worüber gesprochen und worüber geschwiegen wurde, ist bis heute umstritten“. Die Orkanstärke „epochal“ wird bei ihm auf eine biografische Episode herabgestuft, wobei die wirkliche Begegnung hinter die intellektuelle zurücktritt. Für diese ist Heideggers Analyse der Seinsgeschichte mit Existenzialien wie „Geworfenheit“ entscheidend. Sie bilde die begriffliche Grundierung für Celans Erfahrungswelt. Während der Philosoph die Schoah aus der Seinsgeschichte ausblendete, sei für den Dichter „der ständige Bezug auf die selbst erlebte Gewaltgeschichte nicht verhandelbar“. Und auch prägend für sein Verhältnis zu den Deutschen, um das es Emmerichs beeindruckender Studie eigentlich geht. Dass Celans Muttersprache, seine Dichtersprache, durch die Nazis zur Mördersprache wurde, zeigt sich für den Literaturwissenschaftler im Werk und Leben des Dichters als Konflikt zwischen „den“ Deutschen und „dem“ Deutschen. 

Sosehr Celan Heidegger im Verständnis der dichterischen Sprache als „lichtendem“ Wahrheitsgeschehen folgt, so sehr besteht er darauf, dass nicht die Sprache selbst am Werk ist, sondern „ein ‚sprechendes Ich‘, ein Subjekt, das ‚unter dem besonderen Neigungswinkel seiner Existenz‘ steht“. Diese Existenz ist für Emmerich zwar von der deutschen Sprache und zugleich dem Leben als französischer Citoyen imprägniert, doch ihren „Neigungswinkel“ erhält sie durch das „Jüdisch-Sein nach der Shoah“. 

Das stellt Helmut Böttiger zwar nicht infrage, klammert es aber ein. Celan ist für ihn vor allem ein Opfer seiner Rezeption, sakralisiert zum reinen Dichter der Menschheitskatastrophe. Aber: „primärer Bezugspunkt war die deutschsprachige Literatur, und zwar in einer Form, die der Kunst höhere Weihen verlieh und sie durchaus neben die althergebrachten Formen der Religion stellte“. Von dort aus rekonstruiert der Literaturkritiker und Autor auch Celans distante Nähe zu Heidegger. Dass Sprache bei Heidegger auf ein Deutsch ziele, „das fest verankert ist in der Vorstellung des dazu gehörigen Volks“, war für Celan undenkbar.

Strenger noch als Emmerich weigert sich Böttiger, das reale Geschehen im Schwarzwald zu stilisieren. Er verlässt sich stattdessen auf Celans Gedicht „Todtnauberg“, in dem von „einer Hoffnung, heute, / auf eines Denkenden / kommendes / Wort“ die Rede ist und davon, dass am Ende „Orchis und Orchis, einzeln“ dastünden, „Krudes, später im Fahren, / deutlich“ gesprochen worden sei. Weil „Orchis“ der wissenschaftliche Name für Orchideengewächse ist, schließt Böttiger: „Heidegger und Celan haben in der Hütte miteinander gesprochen, aber als sie aus der Hütte hinaustreten, sind sie voneinander getrennt.“

Hans-Peter Kunisch dagegen lässt aus Zeugnissen wieder Menschen werden. Schon vor der ersten Begegnung weiß Heidegger, „dass die nächsten zwei Tage mit zu den schwierigsten gehören, die er zu überstehen hat“. Als Celan in Freiburg ankommt, trifft sein Biograf ihn „auf seinem schmalen Bett im Freiburger Hotel Victoria“, wo Celan sich schwer fühle, „so schwer, wie die alten, dunkelroten Vorhänge, aus denen Staubwolken kamen, als er sie vorhin bewegte“. Dann eine Lesung, Heidegger in der ersten Reihe. Dramaturgisch so glänzend wie gewagt, imaginiert Kunisch den Gedankenstrom des Philosophen, lässt Textstellen aus der furchtbaren Rektoratsrede einfließen. Tags darauf die Fahrt zur Hütte im Wagen des Germanistikassistenten Gerhard Neumann: Der Käfer wird zum Käfig, im bedrückenden Schweigen ist Geschichte „das eine Gefängnis, aus dem keiner entkommt“. Heftiger Schlagabtausch auf der Rückfahrt, „krudes Sprechen“, theaterreife Dialoge. Das alles ist zu schön, um wahr zu sein. Und doch – so heikel eine solche Darstellung ist, weil der Autor nicht wissen kann, was seine Protagonisten denken und fühlen – erscheint es wahr genug, um möglich zu sein. Kunisch setzt nicht auf funkelnde literarische Effekte, sondern stiftet quellengesättigt eine Atmosphäre, in der Dichten, Denken und Andenken aufgehoben sind.


Werke über Paul Celan

Wolfgang Emmerich
Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen
Wallstein
400 Seiten
24 €

Helmut Böttiger
Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist
Galiani
208 Seiten
20 €

Hans-Peter Kunisch
Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung
dtv
352 Seiten
24 €