Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins

Eine Rezension von Thorsten Jantschek, veröffentlicht am

Was folgt, wenn ich immer schon da bin? – Der Philosoph Lambert Wiesing ist in „Ich für mich“ dem menschlichen Selbstbewusstsein auf der Spur – indem er erkundet, wie uns zumute ist

Gut, dann eben nicht!“ denkt man, wenn Lambert Wiesing gleich zu Beginn festhält: „Die Wirklichkeit des Selbstbewusstseins lässt sich weder erklären noch verstehen.“ Und diesem Rätsel den Stempel „Urphänomen“ aufdrückt. Wenn sich nur alle philosophischen Probleme so erledigen ließen! Aber man hat ja gelernt: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, und ein Bewusstsein vom Selbst, das sich in Sätzen wie „Ich habe Schmerzen!“ ausdrückt, ist philosophisch nicht einfach zu haben, weil sich innere Gegenstände nicht so identifizieren lassen wie äußere – und deshalb liest man eben doch weiter. Glücklicherweise!

Denn es ist spannend zu sehen, wie diese Einsichten innerhalb der Phänomenologie entstanden sind. Die konnte sich des Themas entledigen, indem sie jede reflexive Bezugnahme auf ein Selbst und damit auch jede Theorie des Selbstbewusstseins prinzipiell zum Scheitern verurteilt hat. Das Dumme ist nur, dass mit einem philosophischen Scherbengericht die Frage nach dem Selbstbewusstsein im Leben nicht verschwindet. Hier setzt der Phänomenologe, der zuletzt einen Band zum Luxus veröffentlicht hatte, seinen entscheidenden Zug: „An die Stelle der unbeantwortbaren Frage nach den subjektiven Bedingungen der Möglichkeit von Selbst -bewusstsein gilt es, die beantwortbare Frage nach den Folgen der Wirklichkeit von Selbstbewusstsein für das Subjekt zu stellen.“ Statt der Vorgeschichte, wie Selbstbewusstsein zustande kommt, erzählt Wiesing die Nachgeschichte, entwickelt philo -sophisch dicht in vier Schritten, was es bedeutet, Selbstbewusstsein zu haben oder vielmehr, sich seiner selbst bewusst zu sein.

Denn aus der Wirklichkeit des Selbstbewusstseins folgt zunächst: „Man ist sich seiner selbst bewusst, weil man selbst im Selbstbewusstsein vorkommt“, erklärt der Philosoph, „und von diesem meinen Vorkommnis weiß ich aus eigener Kenntnis.“ So ist es möglich, dieses Phänomen ohne Beziehung eines Selbst auf sich zu denken, und zwar als Teilhaftigkeit. Man wird der Kenntnis unmittelbar teilhaftig. Dazu freilich bedarf es einer präreflexiven Erlebnisqualität. Diese findet Wiesing in einem zweiten Schritt in der komisch klingenden, aber überraschend produktiven Kategorie der Zumutung. Damit fängt er einerseits den Widerfahrnischarakter menschlicher Existenz ein, weil Zumutung bedeutet, mit etwas konfrontiert zu sein. „Ich bin zum Dasein gezwungen. Und dieser Zwang wird von mir phänomenal erlebt.“ Andererseits kann jemand, der sich ärgert, ausdrücken, wie ihr oder ihm „zumute“ ist. Mit dieser Erlebnisqualität legt Wiesing die Grundverfassung menschlichen Daseins frei. Weil sich eine solche Erlebnisqualität nicht als rein mentales Phänomen, sondern nur als „immer schon“ inkorporiertes Phänomen denken lässt, unterläuft Wiesing in einem dritten Schritt elegant jeden Leib-Seele-Dualismus. Das gibt ihm den Raum, die leiblich-körperliche Seite menschlichen Lebens zu entfalten.

Während die Phänomenologie hervorhebt, Leib zu sein (und nicht: einen Körper zu haben), betont Wiesing – wiederum sehr originell –, dass Menschen ontologisch unterschiedlich in der Welt sein können, dass ihre Lebenswirklichkeit zwischen den Polen Leib und Körper oszilliert. Die Stärke des Buches ist, diese Stile des In-der-Welt-Seins nicht von vornherein zu bewerten. Erst im vierten Schritt kommt eine Wertdimension zum Tragen. „Ich erlebe mich selbst in den jeweiligen Seinsstilen in einer jeweils anderen Art als wertvoll.“

So stellt Wiesing diese unterschiedlichen Stile dar, rekonstruiert verschiedene Formen der Selbstsorge, des Zusammenlebens bis hin zu unterschiedlichen Weisen des Wohnens als besonders handgreiflichen Folgen des Selbstbewusstseins. Dass einem dennoch zuweilen mit diesem wichtigen Buch nicht ganz wohl „zumute“ ist, liegt an der Vollfettstufe seiner phänomenologischen Terminologie, die einem gewaltige Aneignungsmühen zumutet. Aber vielleicht stimmt es ja, was Ludwig Wittgenstein einmal sagte, dass nämlich der Wert philosophischer Ergebnisse sich an den Beulen bemisst, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Der Wert dieser Lektüre dürfte also beträchtlich sein.