Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit

Eine Rezension von Lea Wintterlin, veröffentlicht am

Die Insel unserer Träume – Rutger Bregman gibt dem Guten eine Chance – und enttarnt negative Menschenbilder als selbsterfüllende Prophezeiungen

Es ist wirklich ein hartnäckiger Mythos, gegen den der niederländische Historiker und Journalist Rutger Bregman in seinem neuen Buch ankämpft: Der Mensch sei von Grund auf böse und nur der sprichwörtlich dünne Firnis der Zivilisation bewahre ihn davor, in den Urzustand des Krieges aller gegen alle zurückzufallen. Von Hobbes bis Freud, vom Christentum bis zur Aufklärung, von Romanen wie „Der Herr der Fliegen“ bis hin zu Reality-TV-Shows: Die Vorstellung von der verderbten menschlichen Natur sitzt tief. Höchste Zeit für einen neuen Realismus, findet Bregman, dessen Bestseller „Utopien für Realisten“ bereits 2017 auf Deutsch erschien. In akribischer Archivarbeit liest er die gängigen Narrative über das Schlechte im Menschen gegen den Strich und erzählt neue Geschichten. Von freundlichen Jägern und Sammlern, von Soldaten, die nicht schießen, und von Kindern, die auf einer einsamen Insel stranden und dort, anders als in ihrem literarischen Pendant, lieber kooperieren, anstatt sich umzubringen. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein, was Bregman an versöhnlichen Nachrichten zutage fördert. Aber darf man nach Auschwitz überhaupt noch an das Gute glauben? Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man das Böse als Verrücktheit einiger weniger „Kranker“ aus unserer Natur ausgliedert? Doch anders als es der Titel suggeriert, läuft das Buch gar nicht auf eine finale Wesensbestimmung des Menschen hinaus. Die Frage, ob wir gut oder böse sind und wer nun recht hatte, Hobbes oder Rousseau, beantwortet der Autor mit einem schlichten „es ist kompliziert“. Das, was uns so freundlich macht – unsere Sozialität –, bringt auch das Schlechteste in uns hervor. Es geht also vielmehr darum, „welcher Seite wir den Vorzug geben“. Ein negatives Menschenbild wirke wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Was wäre aber, wenn wir davon ausgingen, dass die Menschen im Grunde freundlich, loyal und hilfsbereit sind? Bregman entwirft ein Szenario, in dem Gefängnisse obsolet werden und Angestellte sich selbst managen. Man mag das realistisch finden oder nicht – zum Nachdenken regt es in jedem Fall an.