Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts

Eine Rezension von Katharina Teutsch, veröffentlicht am

Wahre Gefühle 

Vor zehn Jahren lancierte die Felix-Burda-Stiftung einen TV-Werbespot für Darmkrebsfrüherkennung. Dort wurden ältere Promis in Szene gesetzt. Ausgelassen. Tanzend. James Browns Party-Hit „I feel good“ lieferte den Soundtrack. Mahnend hieß es auf den zur Kampagne gehörenden Plakaten: „Fühlen Sie sich auch gut? Sie könnten trotzdem Darmkrebs haben. Weil man ihn erst spürt, wenn es zu spät ist.“ Gefühle sind trügerisch, hieß das im Klartext. Und können deswegen keine verlässliche Quelle für unser Körperwissen sein. Dennoch sagen sie uns etwas. Nur was?

Die Medizinhistorikerin Bettina Hitzer spürt nicht nur dem Gefühlsspektrum einer Volkskrankheit nach, an der jedes Jahr etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland neu erkranken. Sie vollzieht auch nach, welche Bedeutung den Emotionen in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Krebsmedizin selbst zukam. Dazu hat sie Fachblätter, literarische Zeugnisse, Betroffenenberichte und Patientenakten ausgewertet. Aus ihnen kann man lernen, welchen Raum man Gefühlen in der Lebensführung eines kranken Menschen einst beigemessen hat. Wovon man reden konnte und wovon man lieber schwieg. So galt lange Zeit der Konsens, der unheilbar Kranke müsse von der Wahrheit verschont werden. Nach dem Ersten Weltkrieg schlug die Stunde der Psychosomatiker, die eifrig nach der „Krebspersönlichkeit“ fahndeten.

Erst mit dem Einzug der Psychoanalyse wenden sich auch Mediziner offensiv den verborgenen Parametern unserer Konstitution zu. Heute sind wir Zeugen einer Phase der Krebsmedizin, in der die Hoffnung andere Gefühlslagen in den Hintergrund gedrängt hat. Viele Krankheiten können inzwischen geheilt werden. Und zwar durchaus mithilfe „positiver Gefühle“. Seit den Achtzigern florieren die Selbsthilfegruppen, die zum „positive thinking“ auffordern. Im 21. Jahrhundert, das so viele Entscheidungen zurück ins Individuum verlegt, ist auch das Emotionsmanagement in schwieriger Lage eine Aufforderung zur persönlichen Glücksarbeit. Mit Bettina Hitzer blickt man nicht nur auf die Emotionsgeschichte einer Krankheit, sondern auch auf die eines Jahrhunderts.