Maschinenwinter

Eine Rezension von Jutta Person, veröffentlicht am

Bücher – kurz und bündig

In Manchester geht Mary Shelley ein Licht auf. Die „elenden Kreaturen“, die dort in einer Manufaktur schuften, sind nicht nur Sklaven der Maschinen. Weil sie dieselben, endlos wiederholten Bewegungen vollführen wie ihre Arbeitsgeräte, nähern sich Menschen und Maschinen unaufhaltsam an – und unterscheiden sich nur noch im Unglücklichsein. Mary Shelley, die weltberühmte Schauerromantikerin, wird als Transperson namens Ry Shelley in Jeanette Wintersons furiosem Roman „Frankissstein“ (Kein & Aber, 24 €) wiedergeboren. Sie verliebt sich in den KI-Spezialisten Victor Stein, der den Menschen von seinem größten Makel, der Materie, befreien will. Winterson bringt nicht nur die Transhumanismus- und Transgender-Debatten der Gegenwart zusammen. Sie verdrahtet das Denken über zwei Jahrhunderte hinweg, bis hin zur zentralen Monsterfrage, was „Leben“ eigentlich ist. „Frankissstein“ mit seinen klugen Maschinenstürmer-Zitaten sollte man unbedingt gelesen haben, wenn man zu Sarah Spiekermanns „Digitaler Ethik“ (Droemer, 19,99 €) übergeht. Die Informatikerin skizziert ein „Wertesystem für das 21. Jahrhundert“, das „menschengerechten Fortschritt“ zum Ziel hat, und fragt dabei auch nach den Ursprüngen unseres Fortschrittsverständnisses. Den Essay „Maschinenwinter“ zu ähnlichen, aber politisch anders beantworteten Fragen hat Dietmar Dath schon vor zehn Jahren geschrieben (Suhrkamp, 10 €). Es gebe genügend Gründe, heißt es dort, Herren und Knechte abzuschaffen. Dann folgt der shelleyeske Satz: „Die Menschen haben zugelassen, dass die Maschinen zu Naturwesen werden, deren Früchte man nicht ernten kann, weil sie keine mehr hervorbringen; wie schlafende Pflanzen im Winter.“