Materialkunde

Eine Rezension von Jutta Person, veröffentlicht am

Bücher - kurz und bündig

Dass es immer schon verdrängte und vergessene Partikel gab, ist kein Geheimnis. Umso skandalöser, dass diese kleinsten, die sich nicht selten zu argwöhnisch beäugten Outsider-Substanzen zusammenschließen, noch nicht systematisch analysiert worden sind. Wir brauchen eine philosophische Partikelkunde! Zum Glück ebnen hervorragende Bücher den Weg: Michael Pilz klärt in „Tanz der Elemente“ über die „Schönheit des Periodensystems“ auf (Residenz, 22 €). Vom Chemiker Dmitri Mendelejew, der 1869 die Elemente ordnete, bis zurück zu den Vorsokratikern sind die kleinsten Teilchen mit den Welterklärungsmodellen ihrer Zeit eng verbunden. Auch Joachim Kalka weist in seinem Essay über den „Staub“ (Berenberg, 22 €) darauf hin, dass winzige Körper bei Lukrez zu „Hilfsbildern einer atomistischen Weltauffassung“ werden. Susanne Wedlich widmet sich in „Das Buch vom Schleim“ (Matthes & Seitz, 34 €) einer Materie, die direkt verwandt ist mit faszinierend dubiosen Partikeln: dem Urschleim etwa, mit dem die Naturphilosophie „etwas“ aus „nichts“ entstehen sieht. Mareike Vennen dagegen untersucht, wie „Das Aquarium“ (Wallstein, 37 €) von einer Substanz heimgesucht wird, die sich als aufschlussreicher Störfall erweist: Schlamm. Schlamm, erklärt die Kulturwissenschaftlerin in ihrer aquaristischen Studie, mache jene „Reinigungsarbeit“ nötig, die Bruno Latour den Trenn-Versuchen der Moderne zuschreibt. Die philosophisch vielleicht ergiebigste Partikelkunde findet man in der nichtmateriellen Zone. Kerstin Preiwuß’ „Das Komma und das Und“ (Duden, 15 €) ist eine wunderbare Eloge auf die kleinsten Wörter und Satzzeichen, von „ab“ bis „zu“. Selbstverständlich ist auch das atomistischste aller Zeichen vertreten: der Punkt.