Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese

Eine Rezension von Gert Scobel, veröffentlicht am

Entscheidende Unterschiede – Michael Tomasello erforscht, was Kinder und Affen eint und trennt

Oft gingen Philosophen mit einer seltsamen Selbstverständlichkeit davon aus, dass es den Homo sapiens bereits gibt. Wie Menschen eigentlich Menschen werden, hat nur selten, wenn überhaupt interessiert und wurde in der Regel den Naturwissenschaften überlassen. Genau diese Frage steht im Fokus des neuen Buches von Michael Tomasello. Der Psychologe und Neurowissenschaftler, 20 Jahre lang Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, lässt dabei philosophische, kulturwissenschaftliche, entwicklungspsychologische oder biologische Fragestellungen brillant ineinandergreifen.

„Mensch werden“ ist weder reduktionistisch noch verklärend, sondern durchzogen von einer wertschätzenden Sympathie für unsere Verwandten wie auch für unsere eigene Spezies und ihre Möglichkeiten. In zahllosen Untersuchungen und ausgeklügelten Experimenten mit Kleinkindern und Menschenaf -fen hat Tomasello die Ontogenese, die Entwicklung des einzelnen Menschen, erforscht – und eine Summa im klassischen Sinn geschrieben, die in der heutigen, auf Journals fixierten Wissenschaftskultur nahezu ausgestorben ist.

Vereinfacht gesagt, gibt es erstaunlich vieles, was kleine Kinder und Menschenaffen gemeinsam haben. Mit der allmählichen Reifung kognitiver und sozialer Fähigkeiten setzen beim Menschen jedoch Prozesse der Selbstregulation ein, die Menschen und Menschenaffen zunehmend voneinander unterscheiden. Menschen bilden eine kollektive Intentionalität aus: Durch Lernen führt das zu einer Form der Zusammenarbeit, die schließlich in der Konstruktion einer gemeinsamen Realität mündet. Menschen sind dazu fähig, nicht nur wie Menschenaffen intentional mit anderen im Sinne selbstdienlicher Zwecke zu kommunizieren, sondern diese Kommunikation zur echten Kooperation auszubauen. Im Alter von etwa drei Jahren findet eine „objektive/normative Wende“ statt: Kleinkinder bauen eine Wir-Perspektive auf und können damit einen Standpunkt einnehmen, der über die Kommunikation zwischen Ich und Du hinausgeht. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Parallelen zu Kants Konzept des „sensus communis“. Durch wechselseitige Interaktion lernen Menschen, ihre Erfahrungen zur Zusammenarbeit zu nutzen, und entwickeln soziale wie moralische Normen. Sie können aktiv teilen, helfen und mithilfe „exekutiver Selbstregulation“ (in etwa: der Regulierung von Gefühlen) handeln.

Mir ist bewusst, dass viele dieser Begriffe einer weiteren Erklärung bedürfen. Genau das aber leistet Tomasellos Buch in bewundernswerter Weise: weshalb man es unbedingt lesen sollte. „Mensch werden“ ist ein kluges, weitreichendes, ebenso wissenschaftliches wie philosophisches Buch, das vermutlich noch lange wegweisend bleiben wird.