Mit kühlem Kopf. Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte

Eine Rezension von Elisa Primavera-Lévy, veröffentlicht am

Nicht nur Greta Thunberg weiß, dass unser Haus in Flammen steht. Angesichts versagender Staaten und populistischer Kohlebefürworter an den Machthebeln gilt es, „die wahrscheinlichsten Lösungen im Unwahrscheinlichen zu finden“. Dieser Aufgabe verschreibt sich Bernward Gesang, Professor für Philosophie und Wirtschaftsethik in Mannheim, mit seiner angewandten Ethik für Einzelne, Unternehmen und Institutionen. Die „große Transformation“ muss notfalls mit Brückenstrategien bewerkstelligt werden, die nicht perfekt sind. Aus Machbarkeitsgründen schlägt er sich daher auf die Seite des Green New Deal, der Klimaverträglichkeit anstrebt, aber entgegen der Postwachstumsökonomie nicht sofort die gesamte Erde ins ökologische Gleichgewicht zu bringen versucht. Eine Herkulesaufgabe sei genug.

Gesang argumentiert konsequent utilitaristisch und riskiert bisweilen, wie die FDP zu klingen: Die Standardstrategie, die über Konsumentscheidungen einen Wandel anstrebt, wird zugunsten von effizienten Spenden mit Mehrfacheffekten verabschiedet. Veränderungen des persönlichen Emissionsverhaltens überfordern und wirken kaum; Spenden für Schwellen- und Entwicklungsländer bekämpfen Armut und helfen dem globalen Klima. Das sei kein Ablasshandel, sondern nach der „Doktrin vom großen Unterschied“ gut begründetes Handeln, so der Philosoph. Nicht fliegende Vegetarier wären somit Kantianer, denen es weniger um den Gesamtnutzen als um die eigene reine Weste geht.

Weitere „Transformationsfallen“ verortet Gesang in den Tabus der Klimadebatte (wie etwa „Grüne Gentechnik“, Bevölkerungspolitik oder Geo-Engineering). Beim notwendigen Umbau demokratischer Institutionen favorisiert er „Zukunftsanwälte“, die für Gerechtigkeit zwischen den Generationen sorgen – was die hinderliche Frage der Bild-Zeitung entschärfen könnte, wie Schlechtergestellte zu ihrem Steak kommen. All das wirkt nie papieren, sondern ist eine humorvoll gehaltene Lektüre, aus der Verzagte, Apokalyptiker und Befürchter einer Ökodiktatur sortiert und gestärkt hervorgehen können.