Muslimisch und liberal! Was einen zeitgemäßen Islam ausmacht

Eine Rezension von Ronald Düker, veröffentlicht am

Islam und Moderne

Seit ihrem Buch „Muslimisch, weiblich, deutsch“ ist Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Religionslehrerin, eine auf vielen Kanälen gesendete Stimme, ob es um das Verhältnis von Religion und Staat geht oder um die Selbstbestimmung von Muslimen in Deutschland. Ihre erklärten Gegner: der fundamentalistische Islam sowie die „Wagenburg-Mentalität“ einer schweigenden muslimischen Mehrheit, die sich jeder modernisierenden Debatte verschließt. In dem Sammelband „Muslimisch und liberal!“, den Kaddor nun herausgegeben hat, stellen sich 20 Autorinnen und Autoren die Frage, was „einen zeitgemäßen Islam ausmacht“. Ihre Antworten changieren zwischen Bestandsaufnahme, Plädoyer und To-do-Liste und sind in die Felder Koranhermeneutik, Gesellschaftspolitik und Gender gegliedert.

Islam und Menschenrechte? Kein Widerspruch. Toleranz gegenüber anderen Religionen? Im Koran nachweisbar. Muslimischer Liberalismus? Die beste Waffe gegen islamistischen Extremismus. Dieser Band liefert Argumente für einen Islam, der hierzulande auch an den säkularen Mainstream anschlussfähig sein soll. Er wendet sich gegen die religiöse Notwendigkeit des Kopftuchs, erklärt den Nutzen veganer Ernährung und versucht sich an einer Handreichung für Schulhöfe, auf denen der Antisemitismus muslimischer Jugendlicher den Ton angibt. Auch der schwule Diskurs über die Prophetenüberlieferung kommt zu Wort.

Vielfalt, so erklärt Kaddor, solle den Islam vor der Schraubzwinge aller Islamismusklischees bewahren. Der Band reflektiere eine Entwicklung, die sich in der muslimischen Diaspora erst allmählich vollzogen habe: Das theologische Erbe sei vom „Schutt der Islamdiskurse“ freigelegt worden, wodurch die vielgestaltige „muslimische Realität zwischen Fundamentalisten und Säkularisten, zwischen Sunniten, Schiiten, Aleviten, Mystikern“ nach und nach wieder zum Vorschein gekommen sei. Zugleich erwecken diese Texte stets den Eindruck, dass sie von ziemlich genau denen geschrieben wurden, an die sie sich auch wenden.