Nationalismus

Eine Rezension von Elisa Primavera-Lévy, veröffentlicht am

Osten mahnt Westen

Der Geist des Westens marschiert unter dem Banner der Freiheit, die westlichen Nationen aber schmieden Ketten, die unerbittlicher binden als jede Herrschaft zuvor. Dieses Paradox, mit dem sich später auch die Denker der Frankfurter Schule oder Michel Foucault beschäftigten, verfolgte Rabindranath Tagore schon 1916, mitten im Krieg. In den USA und Japan hielt der bengalische Dichter, Philosoph und erste asiatische Nobelpreisträger drei so lyrische wie präzis formulierte Vorträge über den Nationalismus.

Er sei nicht gegen eine bestimmte Nation, so Tagore als Angehöriger eines von der Kolonialmacht Großbritannien regierten Volkes, sondern gegen die Nation allgemein, für ihn die Verkörperung von Egoismus, Gier und Wissenschaft. Seine Kritik zielt auf die Nation als Trägerin des imperialistischen Kapitalismus, der auf grenzenloses Wachstum setzt und mit instrumentaler Rationalität Menschen ihrer Moral beraubt. In einer „Brüderlichkeit der Barbarei“ stärkten die konkurrierenden Nationen das Böse auf Erden. Reine Illusion, zu glauben, dass durch den äußeren Fortschritt das Menschliche mehr zähle als zuvor. Dennoch preist Tagore den europäischen Geist aufgeklärter Humanität, der erst Gesetze jenseits der Willkür, Öffentlichkeit jenseits des Clans möglich mache, und sucht die Synthese aus den positiven westlichen Elementen und dem uralten östlichen Erbe. Auf den Ländereien seiner Familie trieb er dementsprechend soziale Reformen voran. Dass aber Indien, das zuvor noch sein Kastenproblem zu lösen habe, nun das Wunder politischer Freiheit auf dem „Treibsand sozialer Sklaverei“ errichten wolle, störte Tagore zutiefst, der diesbezüglich mit Gandhi über Kreuz lag. Wäre man die Briten los, wäre man deshalb noch lange nicht frei. Der Mystiker Tagore hoffte dagegen auf ein Erwachen zum göttlichen Bewusstsein und zur spirituellen Einheit aller Menschen untereinander. Die Emanzipation liege im Geistigen. Und mit dieser Botschaft indischer Weisheit war er deutschen Lesern bisher auch am ehesten bekannt.