Rücksichtslose Kritik. Körper, Rede, Aufstand

Eine Rezension von Cord Riechelmann, veröffentlicht am

Kritische Körper

In ihrer kleinen, unfassbar klaren Schrift über „Rücksichtslose Kritik“ verteidigt Judith Butler die kritische Theorie gegen zwei Vorurteile. Das erste lautet, kaum überraschend, Kritik sei „etwas Negatives, inspiriert vom Geist der Verneinung“. Das zweite Vorurteil ist dagegen schon feiner gestrickt. Es unterstellt, Kritik „sei anthropozentrisch und gehe von der dem menschlichen Subjekt vorbehaltenen Fähigkeit aus, sich von seiner Welt zu distanzieren“. In vier Essays beschreibt Butler ein Subjekt, das nicht mehr körperlos gedacht werden kann: Es geht um Gattungswesen und Natur beim frühen Marx; um sein Plädoyer für eine „rücksichtslose Kritik an allem Bestehenden“; um das Ideal der furchtlosen Rede; um (migrantischen) Widerstand – und um die Frage, welche Rolle der Körper in Versammlungen, Demonstrationen und Aufständen spielt.

Als feministische Linke will Butler besonders das zweite Vorurteil nicht auf sich sitzen lassen. Um aber in der Tradition der kritischen Theorie den nichtanthropozentrischen Teil freizulegen, konzentriert sie sich auf eine eher rätselhafte Wendung beim frühen Karl Marx, der die Natur als „den unorganischen Leib des Menschen“ bezeichnet hatte. Damit lasse sich das Verhältnis von Mensch und Natur, von arbeitendem Körper und Arbeit neu interpretieren. Aufschlussreich ist dabei, welche Konsequenzen ihre Marx-Lektüre etwa für das Verhältnis von Tieren und Menschen nach sich zieht: Für Butler entspringt die Tiervergessenheit vieler Linker schlicht einer Fehllektüre mit schlimmen Folgen. Bei Marx, schreibt sie, erlangen Menschen als einen Aspekt ihres Gattungswesens Freiheit und Universalität, gleichzeitig sind sie Tiere unter Tieren. „Was an Menschen universal ist, erweist sich auch an Tieren als universal“, fasst sie mit Marx zusammen.

Ohne aus Marx einen Ökologen zu machen, gelingt es Butler, die Kritik am Unsinn der Verhältnisse als lebensnotwendig zu beschreiben – lebensnotwendig für atmende Subjekte, seien es Mäuse oder Menschen. Und damit liefert sie einen Anlass mehr, an der Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand zu arbeiten.