Superman wohnt hier nicht mehr

Eine Rezension von Josef Früchtl, veröffentlicht am

Sind Helden passé oder müsste man sie nur neu und anders erfinden? Drei aktuelle Bücher untersuchen den Postheroismus aus philosophischer, soziologischer und feministischer Sicht

Helden sind eine zwiespältige Angelegenheit. Mal werden sie eingehüllt von Pathos und Powersound, mal von Moral und Humanität und oft auch noch von Männlichkeitsgehabe. Zugleich aber wirken sie ungebrochen attraktiv. Und so werden heute nicht nur Widerstandskämpfer und Revolutionäre, sondern auch Lebensretter, Whistleblower und Klimaaktivistinnen zu Heldinnen und Helden erklärt, während sich ein Millionenpublikum in Comics, Computerspielen und Filmen an Superhelden erfreut.

Es ist daher nur konsequent, dass die Zwiespältigkeit der Heldenfigur das Nachdenken herausfordert. Gleich drei Bücher haben gegenwärtig diese Herausforderung angenommen. Dieter Thomä gibt ihr in „Warum Demokratien Helden brauchen“ eine nachdrücklich politische Wendung. Auch moderne Demokratien haben demnach Helden nötig, denn Demokratie kann nicht nur von Gesetzen und Institutionen gesichert werden, sondern bedarf auch jener Sphäre, die man
heute Zivilgesellschaft nennt. Sie ist der Ort für Individuen, die sich für eine Sache einsetzen und oft auch neue Wege wagen, Menschen also mit Zivilcourage und Fantasie, aus denen mitunter, wie etwa bei Edward Snowden und Greta Thunberg, Helden und Heldinnen werden können. Freilich gibt es hier ein grundsätzliches Problem. Man kann nämlich demokratisches und antidemokratisches Heldentum nicht klar und deutlich voneinander unterscheiden. Wenn Thomä als Abgrenzungsmerkmal vorschlägt, dass der demokratische Held zugleich „einer von uns“ wie „einer für uns“ ist, einer, der etwas wagt, was wir selber nicht wagen, nämlich eine andere Welt zu eröffnen, kann dies auch der antidemokratische Held für sich beanspruchen. Auch Thomä muss daher zugeben, dass es immer auf eine „Balance“ ankommt.

Auf diese Sichtweise könnte sich wohl auch Ulrich Bröckling einlassen. Seine Haltung zum Thema ist zwar grundsätzlich argwöhnischer als diejenige Thomäs. Dennoch bietet sein Buch „Postheroische Helden“ auch ein Plädoyer für ein Subjekt, „das die Kunst beherrscht, zwischen heroischem Handeln und postheroischem Aushandeln virtuos hin und her zu springen“. Bröcklings Studie ist geschliffen von den Methoden der Sozialwissenschaften und atmet zugleich den freien Geist der Essayistik. Sie liest sich wie ein wissenschaftlicher Roman, lehrreich und spannend, auf dem Stand der Forschung und zugleich mit leichter Hand geschrieben.

Der Ausdruck „postheroisch“ taucht seit den 1980er-Jahren in verschiedenen Zusammenhängen auf. In politischen und militärischen Kontexten ist damit gemeint, dass man keine Opferbereitschaft mehr mobilisieren kann. In der Psychologie bis hin zur Managementtheorie steht der Ausdruck dagegen in Verbindung mit dem „flexiblen Menschen“, der sich im guten pragmatischen wie im schlechten opportunistischen Sinn an wandelnde Umstände anpassen kann. Bröckling macht allerdings sehr klar, dass das Postheroische missverstanden wird, wenn man meint, man befinde sich in einer Zeit, die das Heroische vollkommen hinter sich gelassen habe oder – noch stärker – es jemals hinter sich lassen könne. In dieser Hinsicht drängt sich der Vergleich mit der „Postmoderne“ auf, denn auch diese Bezeichnung war in vielerlei Hinsicht unscharf und stets in Gefahr, mehr zu versprechen als einzulösen. Die teils nüchterne, teils spielerische dritte Option des Soziologen lautet, dass man das Heroische „kaputtdenken“ soll. Das kann natürlich nicht „ein für alle Mal“ gelingen, denn das wäre „selber eine heroische Größenphantasie“. Die Figur des nicht mehr heldenhaften Helden klingt zwar nach einem Paradox, aber sie meint ein praktisches Könnertum in post-postmodernen Zeiten, eben die Fähigkeit, „flexibel zwischen On- und Off-Modus hin- und herzuwechseln“, das Heldentum mal an- und mal auszuschalten, ohne der Illusion zu folgen, man könne diese beiden Seiten und noch dazu wahres und falsches Heldentum gegeneinander ausspielen.

Von dieser Illusion zeigt sich das Buch „Wer braucht Superhelden“ nicht wirklich frei. Die Philosophin Lisz Hirn hat es auf den Superman abgesehen, wie er einem im Comic und Blockbuster-Film begegnet. Zur Identifikation lädt dieser Held zunächst ein, weil er wie der „perfekte Untertan“ stets im sozialen Dienst handelt. Heutzutage aber, in Zeiten männlicher Verunsicherung durch die emanzipierte Frau, baut sich an ihm die bekannte toxische Maskulinität auf. Eine Verteidigung der Superhelden, wie etwa bei Thomä, findet man hier nicht. Dabei gäben Filme wie „Black Panther“ oder „Wonder Woman“ dafür doch etwas her. Hirn packt ihr Thema zwar ohne Umschweife an, umkreist es aber in kleinen Schleifen eher journalistisch, mit Streifzügen durch aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse. An dezidierten Urteilen spart das Buch nicht. Am Ende hat man den Eindruck, dass es sich seinem Thema zu sehr angepasst hat und selber vereinfachend verfährt – wie die Welterklärungen der Superheldengeschichten.

Dieter Thomä
Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus
Ullstein
272 Seiten
20 €

Ulrich Bröckling
Postheroische Helden. Ein Zeitbild
Suhrkamp
277 Seiten
25 €

Lisz Hirn
Wer braucht Superhelden. Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten
Molden/Styria
160 Seiten
22 €