Unsere asiatische Zukunft

Eine Rezension von Ronald Düker, veröffentlicht am

Der Globalisierungsexperte und Politologe Parag Khanna ruft das „asiatische Jahrhundert“ aus

Die Geschichte, die Parag Khanna erzählt, ist nicht neu, sondern mindestens 200 Jahre alt, das räumt der Autor freimütig ein. Schon Napoleon habe den Aufstieg des fernen Ostens prophezeit: „Lasst China schlafen, denn wenn es aufwacht, wird die Welt erzittern.“ Ist es nun so weit? Muss die Welt erzittern vor dem Aufschwung Asiens, der – eher pragmatisch als ideologisch vorangetrieben – das Gefüge der Welt, wie wir sie kannten, untergräbt und die Vormachtstellung der USA beendet? Das ist die Frage, die Khanna schon mit dem Titel seines neuen Buches – „Unsere asiatische Zukunft“ – klipp und klar bejaht.

Khanna ist Politikwissenschaftler, aber keiner aus dem akademischen Elfenbeinturm. Er arbeitet als Strategieberater für das Council on Foreign Relations und das Weltwirtschaftsforum, tritt als CNN-Experte auf und ist Gastautor in renommierten amerikanischen Zeitungen – mit anderen Worten (und nach eigenem Bekunden): ein Pundit, also ein Angehöriger jener stets auskunftsfreudigen Expertenkaste, deren Hilfe sich Politik und Wirtschaft vergewissern, wenn es darum geht, in die Zukunft zu schauen. Anders als die derzeit gängigen Analysen zum Niedergang des Westens widmet sich Khannas Buch aber der geopolitischen Gegenseite dieses Scheiterns – dem Osten. Wer sich nicht nur mit dem Abstieg alter, sondern auch mit dem Aufstieg neuer Denk- und Handlungsmodelle befassen will, findet hier eine facettenreiche asiatische Mentalitätsgeschichte. 

Zunächst will Khanna an Gewöhnungsbedürftiges gewöhnen. Stichwort Strom: Asiatische Regierungen trachten weltweit nach Energievorkommen und bauen unterdessen beherzt ihre eigenen Energiequellen aus. Stichwort Geld: Auch wenn die Leitwährung noch immer die amerikanische ist, wickeln Asiaten ihre Geschäfte zunehmend in ihren eigenen Währungen ab. Von Apple bis Amazon hängen amerikanische Unternehmen am Tropf der asiatischen Märkte, während die dortigen Regulierungsbehörden wenig zimperlich den Marktanteil asiatischer Produkte in der ganzen Welt erweitern. Asien: ein Weltteil, auf dem es 4,5 Milliarden Menschen egal ist, was der Westen von ihnen denkt.

Geschichtsvergessen, wie der Westen ist, so Khanna, habe er sich sein Erschrecken über die veränderte Lage selbst zuzuschreiben. Der Autor hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge und zeichnet die imperiale Expansionsgeschichte aus Ost gen West nach. Als die Mongolen 1241 vor den Toren Wiens standen, war dies ja schon eine späte Episode in der Historie der asiatischen Großreiche und eines Handelswesens, das sich vom fernen Osten bis zum Mittelmeer erstreckte. Und Khanna spricht nicht nur von Chinesen, sondern auch von Persern und Osmanen. Wer nun meint, diese Erfolgsgeschichte sei durch den Kolonialismus gebrochen, durch den Europa die asiatische Welt dann spät, aber gründlich gedemütigt habe, wird eines Besseren belehrt. Eine Demütigung, das schon – andererseits habe gerade der Kolonialismus mit seiner Exportgutmischung aus Kapitalismus, Technologie und Effizienz zumindest einigen asiatischen Regionen zum Sprung in die Moderne verholfen: Am Ende, orakelt der Autor, könnte das Vermächtnis des Westens darin bestehen, dass er die „Selbsterneuerung Asiens beschleunigte“.

Eine Selbsterneuerung, die aber nicht pauschal auf Kosten des Westens gehe. Hier differenziert der Politikberater zwischen den USA und Europa, denn der selbstverzwergenden America-first-Agenda stehe ein europäischer „Schwenk nach Osten“ gegenüber. Es stehe außer Frage, „dass Europa im Wettlauf darum, einen möglichst großen Profit aus dem Aufstieg Asiens zu schlagen, die Vereinigten Staaten besiegen wird“. Und abseits der Ökonomie? Khanna akzentuiert unterschiedliche, aber nicht gänzlich unvereinbare Weltwahrnehmungsmodelle: „In jeder Sphäre des globalen Lebens gibt es das Bedürfnis, vom Dialog zur Synthese zu gelangen: zwischen westlichem Atomismus und östlicher Ganzheitlichkeit, Humanismus und wissenschaftlichem Materialismus, Freiheit und Harmonie, Demokratie und Technokratie – die allesamt unsere gemeinsame Erfahrung bereichern.“ Das zumindest klingt durchaus hoffnungsvoll.