Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde

Eine Rezension von Katharina Teutsch, veröffentlicht am

Das Memoir von Rebecca Solnit beginnt mit dem ziemlich unziemlichen Satz eines berühmten Poeten und endet mit der Bilanz einer namenlosen Handleserin. „Der Tod einer schönen Frau ist fraglos das poetischste Motiv, das es gibt“, schrieb Edgar Allan Poe. Solnit fügt an, dass das wohl kaum aus der Perspektive der Frau gilt. Jahrzehnte nach der Poe-Lektüre fährt die linke Aktivistin nach New Orleans, um die Situation nach dem Hurrikan zu beurteilen. Dort bestätigt ihr besagte Handleserin, genau das geworden zu sein, wozu sie bestimmt sei: „trotz allem“.

Zwischen diesen beiden Aussagen entrollt sich Solnits uneitle Auseinandersetzung mit dem eigenen Werdegang. Der führt vom Innenleben der verbissen um Anerkennung ringenden Studentin tief hinein in die Reflexionszusammenhänge einer einflussreichen Intellektuellen. Solnits Urerfahrung stimmt mit der poeschen Aussage überein, dass eine Frau, vor allem, wenn sie klug und schön ist, immerzu mit ihrer Auslöschung zu rechnen hat. Die Essayistin zitiert einen Frauenmord, der sich 1958 in San Francisco zugetragen hatte. „Mord beendet Lotterleben eines Playgirls“ titelte eine Lokalzeitung, die der sexuell aktiven Bohemienne zumindest eine Mitschuld gab. Auch die filmästhetische Ausbeutung des Femizids – von Hitchcock bis Lynch – legt nahe, dass die weibliche Existenz stets vom Thrill ihrer Extinktion umgeben ist. Um die gleiche Lebenserwartung zu haben wie junge Männer, sind Mädchen also zu allerlei Vorsichts- und Verzichtsmaßnahmen angehalten.

Gern liest man von Solnits Lebensbegegnungen im amerikanischen Westen, mit der Kunstszene etwa oder mit der heiter rebellischen Schwulenbewegung vor AIDS – und natürlich mit dem intellektuellen Establishment jener Jahre. Dieses gerade, aber nicht bittere Buch gewährt Einblicke in die Erfahrungswelt einer engagierten Denkerin. Und man versteht, warum es eine Selbstverwirklichung „trotz allem“ wurde. „Ich glaube, viele Mädchen und junge Frauen teilen diese Sehnsucht: einerseits einen Mann zu haben, andererseits selbst ein Mann zu sein“, schreibt Solnit. Von dieser Vision handeln ihre Erinnerungen in vielen schillernden Facetten.