Von der politischen Berufung der Philosophie

Eine Rezension von Hans-Peter Kunisch, veröffentlicht am

Jenseits der Traumhäuser – Donatella Di Cesare bestimmt die politische Position der Philosophie neu: weg vom starken Subjekt, hin zum „Anderen“ und Schwachen

Donatella Di Cesare zählt zu den interessantesten DenkerInnen der Gegenwart: Eigentlich ist die römische Philosophieprofessorin, die in Tübingen studiert hat, ja eine der letzten Gadamer-SchülerInnen sowie ehemalige Vizepräsidentin der Heidegger-Gesellschaft und bringt so nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für analytische Schärfe mit. Aber schon ihr nach der Veröffentlichung der ersten „Schwarzen Hefte“ entstandenes Buch „Heidegger, die Juden, die Shoah“ zeigt in seiner Klarheit zu Heideggers Irrtümern, dass sie offen ist für Dinge, die manche aus ihrem Umfeld lieber verdrängen.

Auch in ihrem neuen Essay „Von der politischen Berufung der Philosophie“ geht es – vor dem Hintergrund der Tradition von Heraklit bis Giorgio Agamben – um das philosophische Problem mit der Wirklichkeit. Di Cesare versucht, die Position der Philosophie neu zu bestimmen, indem sie von Walter Benjamins „Passagen“ als den „Traumhäusern des Kollektivs“ ausgeht: Auch die Philosophie ist, als Teil der kapitalistisch-demokratischen westlichen Gesellschaft, in der Gefahr, diese Passagen-Welt des vergessenen Außen schon für die gesamte Wirklichkeit zu halten, statt sich um Alternativen außerhalb von ihr zu kümmern. Um diesen beschränkten Blick zu vermeiden, tue sie gut daran, sich, mit Emmanuel Lévinas, nicht auf die Seite des starken Subjekts zu stellen, das per Machbarkeitswahn die Grundlagen des Lebens zerstöre – sondern auf die Seite des „Anderen“, das von der Gesellschaft heute beinahe nur noch in der Gestalt des „Flüchtlings“ oder des „Illegalen“ wahrgenommen werde, als Störfaktor im Wellnessbereich.

Auch Di Cesare warnt vor der Klimakatastrophe. Und plädiert mit Lévinas für eine Ethik der Verantwortung. Gerade zeigt sich, dass Katastrophen auch anders aussehen können: Corona reinigt die Pekinger Luft und Venedigs Kanäle und setzt dem touristisch-ökonomischen Hyperkonsum der Ressourcen ein Pausenzeichen. Aber das Schlusswort der Philosophin bleibt aktuell: „Vor dem Selbst kommt der Andere. Vor der Freiheit kommt die Verantwortung. Und diese Letztere ist, da sie ohne Prinzip und Befehl bleibt, eine anarchische.“ Sie liegt bei jedem Einzelnen.