Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus

Eine Rezension von Elisa Primavera-Lévy, veröffentlicht am

Heldenkunde

Helden, denen Dieter Thomä in seinem Essay auf der Spur ist, gelten in der Demokratie als unzeitgemäße, nach Krieg und Männlichkeit duftende Fremdkörper, die gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen. Postheroische Gesellschaften konzentrieren sich mit Vorliebe auf die persönlichen Schwächen der Helden, verniedlichen oder verbannen sie als Superhelden in eine Scheinwelt. Kapitalistische und bürokratische Strukturen, so der in St. Gallen lehrende Philosoph, nehmen ihnen zusätzlich Wind aus den Segeln.

Und dennoch gibt es sie und muss es sie geben. Mit seinem philosophischen Gewährsmann Ralph Waldo Emerson plädiert Thomä für eine zwanglose Wertschätzung der Ungleichheit: Helden brächten nur repräsentativ das zum Ausdruck, was in jedem von uns schlummert. Sie bringen persönliche Opfer und stehen für die übergeordnete große Sache, mit der man sich bewundernd identifizieren kann. Helden scheidet Thomä in solche der Übererfüllung, die unter allgemeiner Zustimmung einfach mehr von dem tun, was verfassungs- und pflichtgemäß ist, und Helden der Überwindung, die den Weg der Pflicht und Legalität verlassen, wie etwa Whistleblower oder Klimaaktivisten. In der öffentlichen Wahrnehmung sind sie entweder Verbrecher oder Wohltäter. Die Geschichte entscheidet später. Diese Heldentypen, so Thomä, und nicht etwa Alltagshelden oder Opfer als Helden, sind die Herzschrittmacher der Demokratie. Ohne sie drohen Erschlaffung, bloße Besitzstandswahrung und Zukunftslosigkeit.

Man darf die Helden daher keinesfalls den fundamentalistischen Verächtern der Demokratie überlassen: Thomäs Motivation, die nichts weniger als die Überwindung der gegenwärtigen politische Krise durch demokratische Helden erhofft, liegt klar zutage. Seine leichthändig geschriebene Heldenkunde, die trotz des kämpferischen Untertitels nichts von einem Manifest an sich hat, schafft keine grundlegend neuen Erkenntnisse. Aber in Krisenzeiten darf gern an das nützliche, in die Halbdistanz gesunkene Bekannte erinnert werden.