Was ist die Nation?

Eine Rezension von Katharina Teutsch, veröffentlicht am

„Institutionalisierte Solidarität“: Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot plädiert für eine europäisch erweiterte Nation

Der Begriff „postnational“ klinge in etwa so sexy wie der Begriff „vegan“ für Fleischesser, findet die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Unter den Staatsbürgern seien das all jene, die ein Gemeinwesen jenseits des Nationalstaats ablehnen, weil ihnen ein Jenseits des Nationalstaats gar nicht erst vorstellbar erscheint. „Wer nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege“, weiß der Volksmund. Entsprechend präsentiert Guérot eine Wanderkarte für EU-Bürger: Die Publizistin fordert den europäischen Superstaat im Gewand der „Nation“ – allerdings nicht heimatselig gedacht wie im gleichnamigen neuen Bundesministerium, sondern so, wie der Soziologe Marcel Mauss die Nation in den 1920er-Jahren erträumte: als „institutionalisierte Solidarität“. Zunächst muss man dafür einsehen, dass alle Europäer in einem symbiotischen „Krisenzusammenhang“ stehen. Die derzeitigen Herausforderungen – von der Flüchtlingsfrage über die Digitalisierung des Arbeitsmarkts, den Green New Deal bis zur Revolution der Mobilität – lassen sich nur dann lösen, wenn Schlüsselinnovationen nicht durch nationale Interessen verhindert werden. Die Politologin, die 2016 bereits für eine europäische Republik geworben hatte („Warum Europa eine Republik werden muss!“), plädiert für eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung, eine Bankenunion, konzertierte Forschungsförderung und eine Alternative zu den Global Playern der Digitalwirtschaft. Auch ein europäisches Grundeinkommen will sie angesichts einer sich dramatisch verändernden Arbeitswelt diskutiert wissen. Dabei wird deutlich: Einer der größten Feinde Europas ist der Populismus. Die Autorin verschweigt nicht, dass die EU ihn durch einen geistlosen Liberalismus teilweise selbst produziert hat. Die Ungleichheit – zwischen den einzelnen Staaten wie auch in ihrem Inneren – kann nur aufgelöst werden, wenn Europa sich sozialstaatlich verankert. Guérots Plädoyer für ein grundlegend erneuertes Europa ist informativ und anregend. Auch wenn die meisten Sachfragen nicht in Kurzform geklärt werden können, sind leidenschaftliche Ideengeber derzeit eine geistige Gemeinschaftswährung des Kontinents.