Zahlmoral

Eine Rezension von Jutta Person, veröffentlicht am

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„Verdienen Sie fünfhundert im Jahr mithilfe Ihres Verstandes“, rät Virginia Woolf den College-Studentinnen, die 1928 ihren Vortrag hören: „Ein Zimmer für sich allein“ wird im Folgejahr als Essay veröffentlicht und entwickelt sich zu einem der einflussreichsten feministischen Texte des 20. Jahrhunderts (neu übersetzt von Antje Rávik Strubel, Gatsby/Kampa, 24 €). Mit analytischer Brillanz und funkelnder Ironie deckt Woolf die materiellen Grundlagen des geistigen Lebens auf, denn wer schreiben will, braucht eben nicht nur das weltberühmte eigene Zimmer, sondern: Geld. Die ominösen 500 Pfund ziehen sich als roter Faden durch diesen völlig unverstaubten, nach wie vor grandiosen Text, der alles daransetzt, Frauen zum Schreiben zu ermutigen – und mit der Emanzipation auch Klassenschran -ken, Armut und Kolonialismus im Blick hat. Um beim Thema zu bleiben: „Der Triumph der Ungerechtigkeit“ von Emmanuel Saez und Gabriel Zucman (Suhrkamp, 22 €) erfasst präzise, wie „Steuern und Ungleichheit im 21. Jahrhundert“ zusammenhängen, so der Untertitel. Die simple Logik, dass Reiche reicher und Arme ärmer werden, wäre durch eine „Erneuerung der fiskalischen Demokratie“ zu stoppen, schreiben die Ökonomen. Ungleich radikaler ist Eske Bockelmanns lesenswerte Studie über „Das Geld“ (Matthes & Seitz, 28 €). Gegen den wissenschaftlichen Trend hält es der Philologe für eine recht junge Erfindung – was wiederum bedeute, dass es auch ohne Geld ginge. „Die Menschen können in einer Welt ohne Geld leben, da sie in einer Welt ohne Geld gelebt haben.“ Bis es so weit ist, erinnern wir an Virginia Woolf. Solange wir für Geld arbeiten, ist Gerechtigkeit auch eine Frage der Zahlmoral.