Zauber, Improvisation, Virtuosität. Schriften zur Musik

Eine Rezension von Tobias Lehmkuhl, veröffentlicht am

Klangmetaphern

So wie sich französische Musik dank des in ihr waltenden Esprits unschwer als solche erkennen lässt, so haben auch französische Musikphilosophen ihren ganz eigenen Sound. Ob Michel Serres oder Vladimir Jankélévitch, mit vergleichbarer Emphase oder Inbrunst würde man in Deutschland nie über klassische Musik schreiben. Schade eigentlich. Gerade die neue Auswahl aus den Musikschriften Vladimir Jankélévitchs zeigt, dass Begeisterung für den Gegenstand und analytische Tiefenschärfe einander nicht ausschließen. Dabei bedient sich der 1985 gestorbene Philosoph immer wieder einer literarischen Schreibweise und scheut das Metaphorische nicht. Die treffende Metapher aber dient ja nicht nur der Anschaulichkeit des Dargestellten, sondern befördert auch die Einsicht in das Wesen der Dinge.

Radikal schließt der Jude und Ré-sistance-Kämpfer die deutsche Musik aus seinen Überlegungen aus, was ihnen keineswegs zum Nachteil gereicht. Ironischerweise kommt dieser Umstand gerade dem neugierigen, aber mit dem Werk von Gabriel Fauré oder Franz Liszt (ein Ungar!) nicht allzu vertrauten deutschen Leser entgegen: Frisch und ungewohnt wirkt es, wie Jankélévitch eine ganze Phänomenologie der Musik der vorvorigen Jahrhundertwende entwirft, indem er die Opposition von Tag und Nacht auflöst und die Nacht als „Werkstatt der Tagesformen“ begreift.

Nocturne, Berceuse und Barkarole bringt er, indem er vom „chromatischen Funkeln“ redet, noch einmal ganz anders, auf sprachliche Art nämlich, zum Klingen. Dass die „Präzisionsmechanik eines Meisterwerks“ immer auch der Freiheit und der unausgeschriebenen Zwischenräume bedarf, betont er in seinem Aufsatz über Improvisation.

Nach seiner Programmschrift „Die Musik und das Unaussprechliche“ (im Jahr 2016 erschienen) liegen mit „Zauber, Improvisation, Virtuosität“ nun endlich auch seine wichtigsten thematischen Einzeluntersuchungen auf Deutsch vor. Die Texte lösen dabei ein, was der Titel verspricht.