Zaudern Deutsche anders?

Eine Rezension von Ronald Düker, veröffentlicht am

Drei neue Bücher werfen höchst unterschiedliche Blicke auf das deutsche Selbstverständnis der Gegenwart – vom angeblich mangelnden Machtbewusstsein bis zur vorbildlichen Erinnerungskultur

Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann muss er wohl auch einen Einfluss auf die Charakteristika ganzer Nationen haben. Beispiel Deutschland: Hier seien, nach 1945, militärische Schwäche und Zurückhaltung typisch. Das befindet der Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer in seinem Essay „Kein Wille zur Macht“. „Deutsche Soldaten kämpfen nicht, sondern helfen“ – was aus historischen Gründen zwar nachvollziehbar sei. Andererseits problematisiert er das deutsche Friedfertigkeitsprimat. Es habe dazu geführt, „an bestimmten, notwendig aggressiven Formen der Politik überhaupt nicht mehr teilzunehmen, wenn möglich sogar aus der Politik ganz auszusteigen“. Bohrer trauert Nietzsches kulturkritischer Kategorie der „décadence“ hinterher. Wenn Nietzsche den Deutschen einen „Willen zur Macht“ abgesprochen hatte (und daraus auf ihre Dekadenz schloss), sei das zu Unrecht skandalisiert worden. Es gebe Macht nämlich nicht bloß im physischen Sinn.
Sondern? Im Sinne von „Originalität“, „Eminent-sein-Wollen im Geistigen“ und einer generell ambitionierten Lebenshaltung. Hier habe sich der „Triumphalismus der Nationalsozialisten“ verheerend auf die Nachkriegsmentalität ausgewirkt. Bohrers Polemik bemüht sich kaum um begriffliche oder historische Trennschärfe: Es gebe bei „Sigmund Freud die Bemerkung, dass nur in der deutschen Sprache mit dem Wort ‚Ehrgeiz‘ die Kategorie der ‚Ehre‘ negativ gepolt sei.“ Das führt den Essayisten zum historisch fehlenden aristokratischen Tugendkanon und schließlich zum allgemein gegenwärtigen Sich-gehen-Lassen: Der Mann aus einer ostdeutschen Kleinstadt, der sich in Schlafanzug und Pantoffeln auf den Weg zum nächsten Supermarkt mache; ein Jammerlappen, der sich im Nachmittagsfernsehen über jahrelang erlittene sexuelle Misshandlungen ausbreite; Vernachlässigung und Weinerlichkeit, so weit das Auge reicht. Das stört Bohrer, den Eminenz-Theoretiker, der sich durch herbeizitierte Sätze von Jean-Paul Sartre und Niklas Luhmann in seinem Befund bestätigt fühlt.

Der Zeithistoriker Edgar Wolfrum geht weit weniger polemisch vor – und bringt doch auch die verwandte Figur des „zaudernden Riesen“ ins Spiel. Seine Deutschland-Geschichte „Der Aufsteiger“ bezieht sich auf die Zeit seit 1990 und behandelt also eine neuere nationalcharakterbildende Zäsur. Durch die Wiedervereinigung sei Deutschland in die erste Liga der Staatengemeinschaft aufgestiegen, verbunden mit einer unverhofften, nicht bloß wirtschaftlichen, sondern auch außenpolitischen Macht. Auch Wolfrum beobachtet die Verunsicherung, die aus diesem eigentlich komfortablen Status resultierte: Enorme Erwartungen von außen, ein charakteristischer deutscher Selbstzweifel und die „inneren, gesellschaftlichen und vergangenheitspolitischen Beschränkungen“ hätten zu einer „Staatsunsicherheit“ geführt – nach außen wie innen.

Bezeichnend, dass gerade die wohlhabenden Deutschen in entsprechenden Rankings zu den „unglücklichsten Völkern der Welt“ zählten, während sie von außen mal beneidet, mal als neue Supermacht im Innern Europas gefürchtet wurden. Der Zeithistoriker hält es mit dem berühmten Diktum Napoleons: Der Naturzustand der Deutschen sei das Werden und nicht das Sein.

Wie aber blickt eine amerikanische, außerdem jüdische Moralphilosophin auf ihre Wahlheimat? Seit 20 Jahren leitet Susan Neiman das Potsdamer Einstein Forum. Ihr Buch heißt „Von den Deutschen lernen“ und zielt vor allem auf die deutsche Erinnerungskultur ab. Der Umgang mit dem Bösen, sagt sie, sei ein zutiefst philosophisches Problem und könne doch nicht allein abstrakt gelöst werden. Also verwebt die Autorin Analytisches und Anekdotisches.

Neiman findet, dass Deutsche über die Singularität des Holocaust reden sollten, Juden aber über dessen Universalität – diese von Tzvetan Todorov formulierte Prämisse ließe sich von Immanuel Kant ableiten. So diskutiert die Philosophin den deutschen Kampf um die Erinnerung, zum Beispiel am prominenten Fall der Wehrmachtsausstellung, und stellt ihm amerikanische Gegenwartsphänomene gegenüber, darunter Rechtsradikale, die Hitlergruß und Hakenkreuze in die USA importieren. Doch wie lernt man voneinander? Neiman betont die Asymmetrien, die das erschwerten. Als der Sänger Harry Belafonte 1983 in der DDR auftrat und sein Publikum mit dem Satz „Ich bringe euch Grüße aus einem anderen Amerika“ ansprach, habe er sich mit Recht auf amerikanische Menschenrechtler berufen können, die sich als ungebrochene Patrioten begreifen konnten – Identifikationsfiguren mit klarem Profil. Aber das andere Deutschland? Die Perfidie der Nationalsozialisten habe auch darin bestanden, „kulturelle Giganten wie Kant und Goethe in ihr Pantheon zu integrieren“. Worauf solle sich ein nationales Selbstbewusstsein da gründen? Die Lebendigkeit deutscher Identität sei wohl in ihrer Zerrissenheit zu suchen. Im Sinne eines Satzes des Rabbi Nachman: „Nichts ist ganzer als ein gebrochenes Herz.“

 

Karl Heinz Bohrer
Kein Wille zur Macht
Hanser
176 Seiten 
23 €

Edgar Wolfrum
Der Aufsteiger. Eine Geschichte Deutschlands von 1990 bis heute
Klett-Cotta
368 Seiten 
24 €

Susan Neiman
Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können
übers. v. Christiana Goldmann
Hanser
576 Seiten
28 €