Zhuangzi. Das Buch der daoistischen Weisheit

Eine Rezension von Gert Scobel, veröffentlicht am

Endlich neu übersetzt: Das 2300 Jahre alte Buch „Zhuangzi“ erklärt den Daoismus und stellt höchst aktuelle Fragen

Ein Koch zerteilte kunstvoll ein Rind, geräuschlos und doch so, als spiele sein Messer eine Melodie dabei. Wie er das mache, fragt ihn der Edle Wen Hui. „Zuerst sah ich nichts als das Rind“, sagte der Koch. „Drei Jahre später versuchte ich, das Rind als Ganzes zu sehen. Jetzt nun schaue ich mit dem Geist und nicht mit den Augen; Wahrnehmung und Wissen setzen aus, der Geist aber schreitet weiter voran.“ Und so habe er in den Jahren des Übens gelernt, sich an das zu halten, was ist: Sehnen und Adern, der Verlauf von Knochen, Gelenken und Zwischenräumen. Die hohe Kunst sei es, das Messer nur ganz wenig zu bewegen. „Daher ist des Messers Schneide nach 19 Jahren noch wie frisch geschliffen.“ Wie nebenbei erläutert dieser Text das für den Daoismus so wichtige Konzept des „Handelns durch Nichthandeln“. Er stammt aus dem dritten Ka -pitel des „Zhuangzi“, einer Schrift, die um 300 v. Chr. entstand und nach ihrem Verfasser benannt wurde. Zum ersten Mal seit beinahe hundert Jahren liegt jetzt eine vollständige Neuübersetzung aus dem Chinesischen vor. Das „Zhuangzi“ ist nicht nur ein Klassiker des Daoismus, sondern eines der berühmtesten Bücher der chinesischen und asiatischen Philosophie überhaupt, ein Meisterwerk, dem der aus Jena stammende (und in Pe -king studierte) Psychologe und Mathematiker Viktor Kalinke in jahrelanger Arbeit neue Frische verliehen hat. Was für eine klare, elegante und lesbare Übersetzung – die nicht auf Effekte oder Modernität zu setzen braucht. 

Gerade durch seine zeitlose, literarisch-poetische Qualität übertrifft das „Zhuangzi“ nach Meinung mancher Forscher sogar den Klassiker Laozis. Martin Buber, Hermann Hesse, Martin Heidegger, Max Weber, Bertolt Brecht oder C. G. Jung haben sich ebenso mit dem Buch befasst wie der französische Philosoph Jean François Billeter. Das „Zhuangzi“ wagt Antworten auf eine Frage, die viele Gegenwartsphilosoph*innen nicht mehr stellen: wie in turbulenten Zeiten gelassene Zufriedenheit zu finden ist und wie wir als Einzelne, aber auch als Gesellschaft unser Leben führen sollen. Das Nachwort des Übersetzers gibt detailliert Auskunft: zur Autorschaft (über Zhuangzi ist wenig Verlässliches bekannt), zu Datierung, Textquellen, Wirkungsgeschichte, dem Verhältnis zu anderen Philosophen wie Konfuzius und Laozi (der nicht der Lehrer, wohl aber Zeitgenosse Zhuangzis war), aber auch zu den Problemen anderer Übersetzungen. Beachtenswert ist, wie Zhuangzi sowohl von Laozi abrückt als auch Konfuzius kritisiert und damit eine „nichtalternde Modernität“ verkörpert. Nicht nur im Dialog mit China ist dieses Buch zentral. Es setzt darauf, dass – trotz Gewalt, Zwängen und ständigem Wan -del – ein unbekümmertes, freies Leben möglich ist.