Einbildungskraft

Die Fähigkeit, Bilder zu formen oder umzuformen. Man unterscheidet eine reproduktive Einbildungskraft, das ist die Fähigkeit, Objekte in ihrer Abwesenheit abzubilden, von der schöpferischen oder produktiven Einbildungskraft, die auf innovative Weise bekannte Bilder neu kombiniert. Die Denker der Antike hatten ein ambivalentes Urteil über die phantasia. Platon verurteilt einerseits die Abbilder als trügerische Erscheinungen, gebraucht aber andererseits Mythen; Aristoteles identifiziert ihre kathartische Kraft in seiner Poetik, aber kritisiert sie in De anima als Schwäche, weil sie der Wahrnehmung die Meinung hinzufügt. Von den rationalistischen Philosophen des 17. Jahrhunderts wird die Einbildungskraft lebhaft kritisiert und als „wahnsinnig“ (Malebranche) bezeichnet oder als „umso trügerischer, als sie dies nicht immer ist“ (Pascal). Kant hingegen hält sie unentbehrlich für das Funktionieren des Verstandes, weil sie es ermöglicht, die Einteilungen in die Kategorien vorzunehmen und diese auf die Sinneseindrücke anzuwenden. Die Phänomenologie macht daraus eine Methode, so wie bei Husserl in den „imaginativen Variationen“ (die es erlaubt, das invariable Wesen der Dinge zu herauszustellen, zum Beispiel wie bei einer Farbe, die nicht unabhängig von der Oberfläche begriffen werden kann, auf die sie imaginär ausgebreitet ist), obwohl sie zugleich die Armut der Bilder, die sie erscheinen lässt, beklagt (Sartre). Für Baudelaire ist sie die „Königin der Fähigkeiten“, für die Romantiker und Surrealisten die Grundbedingung ihrer Kreativität. Auch in der Politik spielen gesellschaftliche Vorstellungen und die Imagination eine Rolle, die, wie bereits Spinoza erkannt hat, eine der wichtigsten Triebfedern einer guten Regierungsführung ist.