Hermeneutik

Dieser Ausdruck stammt vom griechischen hermēneúein (erklären, auslegen) und wird heutzutage auf zwei verschiedene Arten verwendet: Einerseits meint er ganz allgemein die Wissenschaft von der Interpretation, die insbesondere in der Theologie (dort spricht man von der Exegese), aber auch der Rechtswissenschaft (ein Richter interpretiert das Gesetz), der Philologie (wo eine Sprache ausgehend von den Texten, die sie hervorbringt, studiert wird) und der Psychoanalyse (die Träume und Symptome dechiffriert) von Bedeutung ist. Mit Hermeneutik wird aber auch eine philosophische Tradition bezeichnet, deren Vorläufer, am Ende des 18. Jahrhunderts, der Theologe Friedrich Schleiermacher ist. Die großen Hermeneutiker des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Paul Ricoeur integrieren diese Tradition in die Phänomenologie Husserls. Diese Strömung ist durch eine Reihe wesentlicher Grundannahmen gekennzeichnet: Die Auffassung, dass jeder Bezug zur Welt (und insbesondere jede Erkenntnis) interpretierend ist; dass jede Interpretation abhängig ist von der historischen Situation und jeweiligen Lebenswelt, aus der sie hervorgeht; und dass es niemals einen Nullpunkt der Erkenntnis gibt, da jede Interpretation die Interpretation von etwas ist, das ihr vorangeht. Aus diesen tragenden Ideen folgt ein unvermeidlicher historischer Weg in der Übertragung der Bedeutung der Sache und des Ereignisses. Für die Hermeneutik gibt es also immer mehrere Interpretationen – und diese vertragen sich meist nicht miteinander.