Ideologie

Dieser Begriff, der 1796 von Destutt de Tracy erstmals verwendet wurde, um eine Wissenschaft der Ideen in Abgrenzung zur Psychologie zu begründen, verlor seine ursprüngliche Bedeutung bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Marx verwendet ihn, um die idealistische Philosophie Hegels und seiner Nachfolger (Feurbach, Stirner) zu kritisieren. Ideologie ist für ihn eine Verkehrung der Realität, eine von der herrschenden Klasse gewollte Mystifizierung, die durch mehr oder weniger bewusste Verbreitung falscher Glaubensgrundsätze die Erhaltung ihrer Macht gewährleistet. Sie ist daher in seinen Augen das Gegenteil von Wissenschaft. Marxisten werden diese These im zwanzigsten Jahrhundert vertiefen. Althusser unterscheidet zum Beispiel zwischen repressiven Staatsapparaten (wie der Polizei) und ideologischen Staatsapparaten (wie der Schule). Aber ist die Kritik an den Ideologien ihrerseits nicht ebenso ideologisch, indem sie jede Wissenschaft unmöglich macht? Von Aron abschätzig als „die Idee eines anderen, die man nicht teilt“ bezeichnet, verzerrt die Ideologie für Ricoeur nicht nur die Realität: Sie erlaubt es ebenso der Macht, sich selbst zu legitimieren, und den Einzelnen, sich in ein gemeinsames Schicksal zu integrieren. Damit bildet sie neben der Utopie einen der beiden Pole imaginierter Gesellschaftsvorstellungen.