Natur

Vom lat. natura, „Geburt“, dem „Wesen der Dinge“, hervorgegangen aus nasci, „entstehen, geboren werden“ und dem griech. physis, „Wachstum“. Dieses äußerst mehrdeutige Wort bezeichnet hauptsächlich entweder eine Gesamtheit von Dingen bzw. Lebewesen, die Gesetzen unterliegt (wie das Reich der Mineralien, der Pflanzen oder Tiere oder auch das ganze Universum) oder aber das Prinzip, das die Veränderung eines Wesens entsprechend seiner Art bestimmt (die Natur als Objekt der angewandten Wissenschaften: der Biologie, soweit es die Lebewesen betrifft, der Physik und der Chemie hinsichtlich der unbelebten Welt). Unter „Natur“ kann aber auch die Essenz eines Lebewesens verstanden werden (in diesem Sinne spricht man von der „menschlichen Natur“). Im Gegensatz zur Kunst (oder dem Artefakt) und der Gnade (die übernatürlich ist) ist die Natur im Allgemeinen das, was gegeben ist oder vorgefunden wird und nicht das, was konstruiert ist. Vor allem ist sie eine radikale Äußerlichkeit, die sich gerne verbirgt. Ihre Macht (tatsächlich wird sie für so mächtig gehalten, dass Spinoza sie mit Gott gleichsetzt und die deutschen Philosophen der Romantik sie ins Zentrum ihres Denkens stellen) bewirkt, dass häufig Verhaltensnormen aus ihr abgeleitet, durch sie begründet werden (dies ist der Fall bei den Epikureern, den Stoikern, Thomas von Aquin und auch bei Rousseau). Doch die experimentellen Wissenschaften, die im 17. Jahrhundert aufkommen, und die industrielle Revolution verändern diese Interpretation der Natur: sie wird stattdessen zu etwas, das man bekämpfen und künstlich verändern; oder sogar verneinen muss, wie man es bei Sartre sieht, der jede Vorstellung von einer „menschlichen Natur“ bestreitet. Heutzutage regen die ökologische Krise einerseits und die Warnungen der Bioethik in Bezug auf einen „Transhumanismus“ andererseits zu einer Neudefinition der Natur an, als etwas, das geschützt und bewahrt muss. Als ambivalenter Ausdruck, als Projektionsfläche, die uns von der Realität entfernt (nach Clément Rosset, L’anti-nature), ruft die Natur bei dem, der über sie nachdenkt, häufig Affekte und Wertungen hervor.