Neuplatonismus

Die Gesamtheit der philosophischen Lehren, die sich nach dem Ende der Platonischen Akademie (geschlossen im Jahre 86 vor Chr.) vom 2. bis 6. Jahrhundert in der mediterranen Welt (insbesondere in Rom, Athen und in Syrien) von Alexandria aus verbreiten. Der Neuplatonismus, dessen bedeutendster Vertreter Plotin ist, ein ägyptischer Philosoph, der in griechischer Sprache schrieb und lehrte, wird charakterisiert durch das Bestreben, die Metaphysik Platons mit dem mystischen Denken des Orients zu verbinden. Entwickelt von Porphyrios, Iamblichos und Proklos, sieht diese philosophische Strömung im Einen das oberste und unerkennbare Prinzip, aus dem der Geist und dann die Seele hervorgehen. Die absteigende Folge dieser drei „Hypostasen“ (Seinsstufen) erfordert eine Bewegung der Bekehrung, gewissermaßen eine aufsteigende Rückkehr der Seele zum Einen. Der Neuplatonismus hatte erheblichen Einfluss auf das Christentum, vor allem auf Augustinus, Dionysius Areopagita und Bothius. Er beeinflusste auch jüdische (vor allem Solomon ibn Gabirol und die Denker der Kabbala) und islamische Denker (vor allem Avicenna und Suhrawardi). In der Renaissance, im Florenz des 15. Jahrhunderts, verleiht die Wiederentdeckung der platonischen Lehren, die lange von der Scholastik des Mittelalters überschattet wurden, dem Neuplatonismus neuen Auftrieb: die Übersetzungen von Platons und Plotins Schriften des Humanisten Marsilio Ficinos sind dafür wegweisend. Im 20. Jahrhunderten können die Arbeiten von Marion oder Derrida über die negative Theologie (derzufolge das Denken und Reden über Gott nur in Form von ausschließlich negativen Aussagen, darüber was Gott also nicht ist, zulässig ist) als entfernte Ausläufer des Neuplatonismus betrachtet werden.