Postkolonialismus / Postcolonial Studies

Eine neuere philosophische Strömung, die sich in den 1980er Jahren in den USA entwickelte. Sie untersucht und kritisiert zum einen, welche Auswirkungen die Kolonialherrschaft auf das Selbstbewusstsein der indigenen Völker hatte, und versucht zum anderen eine Wiedererweckung dieses Bewusstseins erreichen, indem sie ihnen die Mittel an die Hand gibt, eine eigene Sichtweise auf die Welt zu entwickeln und auszudrücken. Wichtige Initiatoren dieser Strömung waren Frantz Fanon mit seinem Werk Die Verdammten dieser Erde (1961, mit einem Vorwort von Sartre) und Edward Said mit seinem Werk Orientalismus (1978). Diese Studien hinterfragen auf sehr kritische Weise, worauf sich die kulturelle Hegemonie des Westens gründet. Sie identifizieren in ihren Betrachtungen über die Geschichte der Erziehung der kolonialisierten Völker und in der Verbreitung der Gedanken der „Aufklärung“ und der „universellen Vernunft“ eine maskierte ethnozentrische Ideologie. Postkoloniale Forschungen gewinnen stetig weiter an Bedeutung in Afrika, Australien, Amerika und in Indien, wo die von Gayatri Spivak vertretene „subalternistische“ Bewegung die Methode der Dekonstruktion nach Derrida nutzt, um die Geschichte der Kolonisierung Indiens von der westlichen Perspektive zu befreien. Ohne in einen totalen Relativismus verfallen, zeigen die postkolonialen Studien (in denen post weniger eine chronologisch als eine logisch-zeitlose Bedeutung hat), dass die indigenen Gesellschaften, die während der Kolonialisierung „ihrer selbst entleert wurden“ (Aimé Césaire), reich sind an Konzepten und an Werten und dass an ihnen liegt, diese wiederzufinden, um ihrer Identität eine neue Grundlage zu verschaffen.