Warum sind wir oft ungeduldig?
Unbeständigkeit, Angst vor Langeweile oder gar Unreife: Diese vier Philosophen nehmen sich die Zeit, uns zu erklären, warum das Warten uns derart auf die Palme bringt.
Aus Unbeständigkeit
Lucius Annaeus Seneca (4 v.Chr. – 65 n.Chr.)
Der Ungeduldige ist in erster Linie unbeständig. Denn Beständigkeit, so lehrt uns der stoische Philosoph Seneca, verleiht der Seele so viel „Festigkeit und so viel Energie“, dass sie gegen jede Leidenschaft gefeit ist. Dies schließt die Ungeduld ein, die, wie ihre Etymologie „impatientia“ nahelegt, aus einem Mangel an Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen gegenüber der Zukunft resultiert, bzw. den Schicksalssprüchen, die diese für uns bereithält. Um uns vor derartigen Affekten zu schützen, müssen wir allein die Gebote der Vernunft befolgen und den Zufällen des Schicksals mit Gleichgültigkeit begegnen, da sie sich unserer Kontrolle entziehen. Es ist eine anspruchsvolle Ethik, die es uns ermöglichen soll, die Beständigkeit – und damit die Geduld – der Weisen zu erlangen.
Aus Angst vor Langeweile
Blaise Pascal (1623–1662)
Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln totschlagen, auf eine Verabredung warten, für eine Veranstaltung anstehen: Diese Intermezzi, die uns „ohne Betrieb und ohne Zerstreuung“ zurücklassen, sind der Weg in die Langeweile. Doch Langeweile ist laut Pascal keineswegs nur ein Gefühl der Erschöpfung, sondern vielmehr des tiefen Unglücks und Überdrusses. Sie überkommt uns, sobald wir uns ohne Beschäftigung befinden. Den Grund dafür sieht er in dem „natürlichen Unglück unserer schwachen, sterblichen und so elenden Seinslage, dass uns nichts zu trösten vermag, sobald wir nur genauer darüber nachdenken.“ Deshalb ertragen wir keine Momente der Leere und jagen von einer Beschäftigung zur nächsten, die uns das Elend der menschlichen Natur vergessen lässt.
Aus Unreife
Friedrich Nietzsche (1844–1900)
„Nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die ‚Eile hat‘, zur Verzweiflung gebracht wird.“ – So lautet der Vorsatz Nietzsches, der höchst beunruhigt ist von „der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allem gleich ‚fertig werden‘ will, auch mit jedem alten und neuen Buche.“ Um sich dieser unreifen Haltung entgegenzustellen, forderte Nietzsche die Deutschen seiner Zeit auf, sich Erzieher zu suchen, die sie „bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden“ lehren. Nietzsche selbst beschreibt sich als „Freund des lento“. Erlernt hat er diese Kunst in seiner Beschäftigung mit der Philologie – dem historischen Studium einer Sprache anhand von Textdokumenten und Grammatik –, einer Kunst, die „nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht.“
Durch die Moderne
Hartmut Rosa (*1965)
Wenn die Ungeduld uns überkommt, liegt das in erster Linie daran, dass wir in einem Zeitalter leben, das von „sozialer Beschleunigung“ geprägt ist. Dem deutschen Philosophen Hartmut Rosa zufolge ist der Kapitalismus, dessen Motor das Wachstum ist, untrennbar mit einer Logik der Beschleunigung verbunden. Die Beschleunigung führt dazu, dass sich das moderne Individuum in ständiger Aktivität erschöpft und immer mehr und schneller produziert. Aus dieser Position heraus wird jede Verzögerung zu einem Verlust und jedes Warten zu einer Wertminderung. Aus diesem Grund ist die „Nichtresonanz“ der Welt – die Tatsache, dass unsere Umwelt nicht sofort auf uns reagiert – für uns so unerträglich. •
Weitere Artikel
„Hate Watching“: Warum sind wir fasziniert von dem, was wir hassen?
Wer kennt das nicht: Eine Realityshow anschauen, obwohl man sie albern findet; einem Filmsternchen in den sozialen Netzwerken folgen, das man verachtet; eine Serie bis zum Ende gucken, obwohl sie einen vor Langeweile gähnen lässt... Warum sind wir derart fasziniert von dem, was wir verabscheuen? Weil wir im Grunde genau das begehren, was wir angeblich hassen, antwortet René Girard.
Philipp Wüschner: „Wer Langeweile schätzen will, braucht eine Affinität zum Spielen“
Sie ist oft kaum auszuhalten – aber auch der Anstoß für Philosophie als Sinnsuche. Ein Gespräch mit Philipp Wüschner über heiße und kalte Langeweile, Heideggers Existenzialismus und ein verborgenes rebellisches Potenzial.
„Jahrhunderte voller Langeweile“? – Das Fukuyama-Missverständnis
„Das Ende der Geschichte wird eine sehr traurige Zeit sein“, schrieb Francis Fukuyama 1989 und sagte sogar „Jahrhunderte voller Langeweile“ voraus. Eine Fehlprognose? Keineswegs. Der Politologe wurde missverstanden – was nicht nur die Rückkehr der Kriege zeigt.
„Titane“ – schauen bis es weh tut
Julia Ducournaus Film Titane, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme, ist eine faszinierende Zumutung, meint Marcus Stiglegger. Mit Gilles Deleuze lässt sich erklären, warum uns das Abseitige so in seinen Bann schlägt.
Zeit lassen
Jeder freie Moment, jede Sekunde des Wartens will sogleich ausgefüllt werden. Damit versagen wir uns wertvolle Momente, mit denen sich vielleicht die Welt verändern lässt. Über drei Formen des Wartens.
Wer hat Angst vor Venus?
Wahre Schönheit ist alles andere als harmlos. In vielen Mythen bringt sie gar den Tod. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken und der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über Medusa, Narziss und die Angst des Mannes vor der schönen Frau
Juliane Marie Schreiber: „Negativität bringt uns der Wahrheit näher“
„Positiv denken“, „Krisen als Chancen sehen“, „optimistisch bleiben“. Juliane Marie Schreiber erteilt in ihrem neuen Buch derartigen Glücksimperativen eine Absage. Ein Gespräch über depressiven Realismus und die Kraft der Negativität.
Wolfram Eilenberger: „Philosophie kann direkt in die Existenz eingreifen“
Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil: Das sind die Protagonistinnen in Wolfram Eilenbergers neuem Buch Feuer der Freiheit. Schon in Die Zeit der Zauberer, dem zum Weltbestseller avancierten Vorgänger, hatte Eilenberger Leben und Denken von vier Geistesgrößen zusammengeführt. Damals waren es Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger. Nun also vier Frauen, die ihr Denken in den finsteren 1930er und 40er Jahren entwickeln. Ein Gespräch mit dem Autor über ein Jahrzehnt, in dem die Welt in Scherben lag - und vier Philosophinnen, die die Freiheit verteidigten.