Essay

Heirate dich Selbst!

Slavoj Žižek veröffentlicht am 10 September 2020 12 min

Das Zeitalter des Narzissmus treibt immer neue Blüten: Self-Dating wird zum globalen Freizeittrend, frisch verliebte Pärchen unterzeichnen vorgedruckte Sexeinwilligungsverträge, Klassiker der Weltliteratur sollen Studenten nur noch in zensierten Versionen vorgelegt werden. Eine Gegenrede.

Oft fragen wir uns, ob man sich wirklich vorstellen kann, wie es ist, jemand anders zu sein. Ein Psychoanalytiker würde dem noch hinzufügen, dass wir uns ebenso wenig vorstellen können, wie es ist, wir selbst zu sein – beziehungsweise dass wir uns immer nur vorstellen, wir selbst zu sein, ohne dass wir es wirklich sind. Im Frühjahr 2015 berichteten britische Medien ausgiebig über Grace Gelder, eine Fotografin, die indische Meditationstechniken ausübte und, nachdem sie Björk hatte singen hören: „I am married to myself“, beschloss, eben das zu tun. Sie organisierte eine komplette Selbsthochzeit, schwor sich ewige Treue, legte einen Ehering an und küsste ihr Spiegelbild.

Das mag uns amüsieren, doch im Internet hat zumindest das Konzept des Self-Dating längst die Nische des Exzentrischen verlassen. Es gibt etliche Anleitungen dafür. So soll die oder der angehende Selbstverliebte zärtliche Botschaften in der eigenen Wohnung verteilen und diese Wohnung vor dem Date schön aufräumen, einen Tisch mit Kerzen herrichten, ihre oder seine besten Sachen anziehen; und den Freunden soll man Bescheid sagen, dass man einen wichtigen Termin mit sich selbst habe.

Ziel des Self-Dating ist es, mich selbst in aller Tiefe kennenzulernen, das, was ich wirklich bin und will. Auf diese Weise kann ich mich dann endlich selbst akzeptieren, gewinne innere Harmonie, und dies wird mir ein hochzufriedenes Leben ermöglichen.

Ehe wir uns über solche Konzepte kaputtlachen und sie als extreme Erscheinung des grassierenden pathologischen Narzissmus abtun, sollten wir das Wahre darin würdigen. Denn die Idee von Self-Dating – und Selbsthochzeit – setzt voraus, dass wir nicht unmittelbar eins mit uns selbst sind. Ich kann mich selbst nur heiraten, wenn ich nicht unmittelbar ich selbst bin: Nur dann muss meine Einheit mit mir selbst vom „großen Anderen“ (wie Lacan sagt) verbucht, in einer symbolischen Zeremonie beschlossen und „offiziell“ gemacht werden.

Hier ergeben sich allerdings Schwierigkeiten. Wie verhält sich diese Einschreibung in die symbolische Ordnung, laut derer ich dann „mit mir selbst verheiratet“ bin, zu meiner unmittelbaren Selbsterfahrung? Was, wenn ich bei der Erforschung meiner selbst feststelle, dass das, was ich da finde, mir gar nicht gefällt? Was, wenn ich auf lauter Neid, sadistische Fantasien und widerliche sexuelle Obsessionen stoße? Was, wenn der viel bejubelte „innere Reichtum“ meiner Persönlichkeit im Wesentlichen exkrementell ist, wenn ich also, vulgari eloquentia, voller Scheiße stecke? Kurzum, was ist, wenn ich herausfinde, dass ich mein eigener Nächster im streng biblischen Sinn bin (der Abgrund eines undurchdringlichen X, meinem offiziellen Selbst vollkommen fremd) und den Kontakt mit anderen gerade darum suche, weil ich vor mir selbst fliehen will?

 

Das unversöhnte Selbst

Es heißt, um andere lieben zu können, müsse man sich selbst lieben. Stimmt das? Könnte nicht auch das Gegenteil zutreffen, auf zwei Ebenen: Ich liebe andere, um mir selbst zu entrinnen, und ich kann mich selbst nur insoweit lieben, als ich fähig bin, andere zu lieben? Die Selbstheirat setzt voraus, dass ich Frieden mit mir selbst gefunden habe. Doch was, wenn ich mich mit mir selbst nicht versöhnen kann? Und wenn mir dies erst klar wird, nachdem ich mich geheiratet habe? Sollte ich dann einen formalen Akt der Selbstscheidung einleiten? Und sollte ein solcher Akt auch Katholiken erlaubt sein? Aus ebendiesem Grund merkte Jacques Lacan zur Aufforderung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, säuerlich an: „Es ist unmöglich, auf diese Art Appell in erster Person zu reagieren; niemand hat je geglaubt, dass auf ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ die Antwort wäre: ‚Ich liebe meinen Nächsten wie mich selbst‘. Denn die Schwäche dieser Formulierung ist jedem offensichtlich.“

Hier liegt auch das Problem mit dem wohlbekannten Motto „Sei du selbst.“ Welches Selbst denn? Sofern das Selbst, dem ich mich bei der Selbstheirat vermähle, mein ideales Ich ist – „das Beste in mir“, das Idealbild meiner selbst –, gerät die entspannte Selbstidentifikation und -akzeptanz unmerklich zur radikalen Selbstentfremdung, und die Angst, dass ich meinem „wahren Selbst“ nicht treu bin, wird mich immerzu peinigen.
Genau die gleiche Frage – welches Selbst? – spukt hinter einer aktuellen Obsession der politischen Korrektheit herum. Kommerzielle Gestalt gewinnt diese Obsession im sogenannten „Consent Conscious Kit“, welches das „Affirmative Consent Project“ für 2,99 Dollar im Internet anbietet. Es handelt sich um einen kleinen Beutel aus wahlweise Segeltuch oder Kunstveloursleder, gefüllt mit einem Kondom, einem Kugelschreiber, ein paar Atemfrischbonbons und einem einfachen Vertrag, laut dem beide Beteiligten aus freiem Willen einem gemeinsamen sexuellen Akt zustimmen. Empfohlen wird, dass das zum Sex bereite Paar sich entweder mit dem Vertrag in der Hand fotografiert oder ihn beide datieren und unterzeichnen.

Die Idee dahinter ist, dass ein sexueller Akt, um über jeden Zwangsverdacht erhaben zu sein, im Voraus zur freien, bewussten Entscheidung der Beteiligten erklärt werden muss. Er muss also, um noch einmal Lacans Begriffe anzuwenden, vom großen Anderen verbucht und der symbolischen Ordnung eingeschrieben sein. Damit wird das „Consent Conscious Kit“ zum extremen Ausdruck einer Haltung, die vor allem in den USA an Boden gewinnt. So dürfen nach einem neuen Gesetz in Kalifornien die Studierenden an bundesstaatlich geförderten Colleges mit niemandem Sex haben, ohne zuvor dessen „eindeutige Zustimmung“ eingeholt zu haben; andernfalls droht ihnen eine Strafe wegen sexueller Nötigung. „Eindeutige Zustimmung“ wird definiert als „positives, bewusstes und freiwilliges Einverständnis, sich an sexuellen Handlungen zu beteiligen“.

 

Und wenn das Es Ja sagt und das Über-Ich Nein?

Doch wer gibt dieses Einverständnis? Hier müssen wir die Freud’sche Trias aus Ich, Über-Ich und Es aufmarschieren lassen – in vereinfachter Form: das Ich als meine bewusste Selbstwahrnehmung; das Über-Ich als die Instanz moralischer Verpflichtung, die mir Normen auferlegt; und das Es als meine tiefsten, halb verleugneten Leidenschaften. Was, wenn zwischen den dreien ein Konflikt besteht? Unter dem Druck meines Über-Ichs könnte mein Ich Nein sagen, während mein Es am abgestrittenen Begehren festhält. Noch viel interessanter ist der gegenteilige Fall: Ich gebe der Lust meines Es nach und sage Ja zum Sex, doch mittendrin lässt mein Über-Ich ein unerträgliches Schuldgefühl auf mich los. Sollte also der Zustimmungsvertrag nur gültig sein, wenn auf beiden Seiten jeweils Ich, Über-Ich und Es ihn alle drei unterzeichnet haben?

Und was geschieht, wenn ein männlicher Unterzeichner von dem Recht Gebrauch macht, in jedem beliebigen Stadium der sexuellen Handlung vom Vertrag zurückzutreten und die Übereinkunft zu widerrufen? Stellen wir uns vor, die Frau hat zugestimmt, beide sind nackt im Bett, da lässt irgendein winziges körperliches Detail, sagen wir, ein versehentlicher Rülpser, den erotischen Zauber verf liegen und treibt den Mann zum Rückzug: Bedeutet dies nicht eine furchtbare Demütigung für die Frau?

Die Ideologie hinter dem Schlagwort vom „sexuellen Respekt“ verdient nähere Betrachtung. Ihre Grundformel lautet: „Ja heißt Ja.“ Ein ausdrückliches Ja muss das sein, nicht bloß kein Nein. Wenn eine Frau gegen einen Annäherungsversuch nicht aktiv Widerstand leistet, können dennoch verschiedene Formen von Nötigung im Spiel sein.

Hier jedoch explodieren die Probleme. Was, wenn eine Frau es sich leidenschaftlich wünscht, sich aber aus Scham nicht offen dazu bekennen will? Was, wenn für beide ein ironisches Spiel mit der Nötigung Teil der Erotik ist? Und ein Ja wozu – zu welchen Arten sexueller Aktivität – ist überhaupt ein erklärtes Ja? Sollte das Vertragsformular hier nicht präziser sein? Ja zum Vaginal-, aber nicht zum Analverkehr, ja zur Fellatio, aber nicht zum Schlucken von Sperma, ja zu leichten Schlägen, aber nicht zu heftigen et cetera. Man kann sich an dieser Stelle eine lange bürokratische Verhandlung vorstellen, die entweder jede Lust tilgt oder aber ihrerseits libidinös aufgeladen ist.

Ganz zu schweigen von der gegenteiligen Möglichkeit: dem erzwungenen Ja. In einer der schmerzhaftesten und verstörendsten Szenen aus David Lynchs „Wild at Heart“ wird Laura Dern von Willem Dafoe brutal unter Druck gesetzt. Er fasst sie an und drängt sich auf, dabei wiederholt er mit drohender Stimme: „Sag ‚fick mich‘.“ Er versucht also ein Wort von ihr zu erpressen, das ihre Zustimmung zum Sex bedeuten würde. Die widerwärtige Szene will gar kein Ende nehmen, bis die erschöpfte Laura Dern irgendwann fast unhörbar „Fick mich“ murmelt. In diesem Moment lässt Dafoe abrupt von ihr ab, setzt ein freundliches Lächeln auf und erwidert gut gelaunt: „Nein, danke, ich habe heute keine Zeit, ich muss los. Aber bei anderer Gelegenheit komme ich gerne darauf zurück.“

Das Unbehagen mit dieser Szene rührt daher, dass Dafoe – indem er das Angebot ablehnt, das er zuvor gewaltsam erpresst hat – am Ende als Sieger dasteht. Dieser Triumph demütigt Dern in gewisser Weise mehr, als wenn er sie vergewaltigt hätte. Er hat bekommen, was er wirklich wollte: nicht den Geschlechtsakt selbst, nur ihre Einwilligung, ihre symbolische Erniedrigung.

Diese Probleme sind keineswegs zweitrangig. Sie betreffen den Kern des erotischen Wechselspiels, aus dem man sich nicht auf eine neutrale metasprachliche Position zurückziehen und sich bereit – oder nicht bereit – erklären kann, es zu tun. Jede derartige Absprache ist Teil des Wechselspiels und nimmt der Situation entweder die Erotik oder wird selbst erotisiert. Eine direkte, formale Zustimmungs- oder Vorsatzerklärung widerspricht der inneren Struktur dieses Wechselspiels.

 

Die Sprache des Begehrens

Im britischen Film „Brassed Off“ begleitet der Held einmal eine hübsche junge Frau nach Hause. Vor ihrer Wohnungstür fragt sie ihn: „Möchtest du auf eine Tasse Kaffee mit reinkommen?“ Auf seine Antwort – „Das Problem ist, ich mag keinen Kaffee“ – erwidert sie lächelnd: „Kein Problem, ich habe auch keinen da.“

Durch eine doppelte Verneinung spricht die Frau hier eine unverblümte Einladung zum Sex aus, ohne irgendetwas Sexuelles zu erwähnen. Indem sie sagt, dass sie keinen Kaffee habe, nimmt sie nicht etwa ihre Einladung zurück, sondern verrät, dass das Kaffeeangebot nur ein beliebiger Deckmantel war. Wie aber sollte der Mann nun handeln, um den „sexuellen Respekt“ zu wahren? Müsste er sagen: „Warte mal, lass uns das klären – da du mich auf eine Tasse Kaffee in deine Wohnung einlädst, aber gar keinen Kaffee hast, heißt das, du möchtest Sex, oder?“ Man kann sich vorstellen, wie der „Ja heißt Ja“-Ansatz hier nicht nur die Situation zerstören, sondern von der Frau auch – völlig zu Recht – als aggressiver und demütigender Akt empfunden würde.

Etliche Varianten für die Szene sind denkbar, angefangen bei der direkten Aussprache: „Ich würde dich gerne mit in meine Wohnung nehmen und mit dir schlafen.“ „Ja, das fände ich auch toll. Lass es uns tun.“

Dann die Benennung des Umwegs als Umweg: „Ich würde dich gerne mit in meine Wohnung nehmen und mit dir schlafen, aber das direkt zu sagen, ist mir peinlich. Also werde ich dich höf lich fragen, ob du auf eine Tasse Kaffee mit reinkommst.“ „Ich mag keinen Kaffee, aber ich möchte auch gern mit dir schlafen.“

Oder die Idiotenantwort: „Möchtest du auf eine Tasse Kaffee mit reinkommen?“ „Sorry, ich mag keinen Kaffee.“ „Idiot, es geht nicht um Kaffee, es geht um Sex, der Kaffee war nur ein Vorwand!“ „Ah, verstehe – ja, klar, gerne!“

Oder der Sprung von einer Ebene auf die andere: „Möchtest du auf eine Tasse Kaffee mit reinkommen?“ „Ja, ich möchte gerne mit dir schlafen.“

Oder die Inversion: „Möchtest du mit reinkommen und mit mir schlafen?“ „Entschuldige, mir ist gerade nicht nach Kaffee.“ (Wobei diese scheinbare Höf lichkeit natürlich wiederum ein Akt der Aggression und Demütigung wäre.)

Ebenfalls vorstellbar ist eine „Kaffee ohne …“-Version: „Ich bin müde, also würde ich gerne einfach auf eine Tasse Kaffee mit reinkommen, ohne Sex.“ „Ich habe meine Tage, darum will ich dir Kaffee ohne Sex nicht anbieten – aber eine gute DVD hätte ich da, wie wär’s mit Kaffee ohne DVD?“

Und schließlich die komplett selbstref lexive Variante: „Möchtest du mit reinkommen?“ „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Lust auf Sex oder auf einen Film hätte – ginge es auch, dass wir einfach eine Tasse Kaffee bei dir trinken?“

Warum funktioniert die direkte Einladung zum Sex nicht? Weil das eigentliche Problem zwar nicht darin liegt, dass Kaffee niemals nur Kaffee, wohl aber darin, dass Sex niemals nur Sex ist. Weil noch keine sexuelle Beziehung besteht, braucht der sexuelle Akt ein phantasmatisches Supplement. Es ist also nicht nur höfliche Selbstzensur, die eine Einladung wie „Lass uns reingehen und Sex haben“ verhindert. Kaffee oder Ähnliches muss ins Spiel gebracht werden, um den phantasmatischen Rahmen für Sex zu schaffen.

Primär verdrängt wird in der Szene aus „Brassed Off“ nicht der Sex (er wird lediglich durch Kaffee ersetzt), sondern die Möglichkeit, dass kein Sex zustande kommt. Die Ersetzung von Sex durch Kaffee ist eine sekundäre Verdrängung mit dem Zweck, die primäre Verdrängung zu verschleiern. Bei der direkten Frage nach Sex würde der Anlass fehlen – und der einzige Weg, um den Anlass zu schaffen, ist, die „Ja heißt Ja“-Regel nicht zu befolgen.

Die „Ja heißt Ja“-Regel beim Sex ist ein Musterbeispiel für die heute vorherrschende narzisstische Auffassung von Subjektivität. Das Subjekt wird als etwas Verletzliches erlebt, etwas, das durch ein kompliziertes Regelwerk geschützt und im Voraus vor allen potenziellen Störungen gewarnt werden muss. Als „E. T.“ in die Kinos kam, wurde er in Schweden, Norwegen und Dänemark heftig kritisiert: Die negative Darstellung der Erwachsenen im Film galt als schädlich für das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern. In der Tat zeigt „E. T.“ in den ersten zehn Minuten Erwachsene nur vom Gürtel abwärts, so wie die bedrohlichen Menschen in den „Tom und Jerry“-Trickfilmen. Rückblickend lässt sich diese Debatte als frühes Anzeichen für die politisch korrekte Obsession betrachten, das Individuum vor allem schützen zu wollen, was es irgendwie verletzen könnte. Jüngeren Datums ist die Forderung nach sogenannten „trigger warnings“ bei kanonisierten Kunstwerken, die der Beirat für multikulturelle Angelegenheiten an der Columbia University in New York erhebt. Auslöser war die Beschwerde einer Studentin, die selbst Opfer sexueller Gewalt war und sich von den Vergewaltigungsszenen in Ovids „Metamorphosen“ bedrängt fühlte. Da der Professor kein Verständnis für dieses Problem zeigte, empfiehlt der Beirat obendrein ein „Sensibilitätstraining“ für Lehrende; es soll sie im Umgang mit Kriminalitätsopfern, Menschen nichtweißer Hautfarbe und Menschen aus einkommensschwachen Verhältnissen schulen. Der Biologe und Philosoph Jerry Coyne merkt dazu an: „Der Weg, den solche ‚trigger warnings‘ weisen – sei es bei sexueller oder bei anderer Gewalt, bei Fanatismus oder bei Rassismus –, wird schließlich dazu führen, dass jedes literarische Werk als potenziell anstößig gilt. Die Bibel, Dante, Huckleberry Finn und überhaupt all die alten Bücher, die geschrieben wurden, bevor wir erkannt haben, dass Minderheiten, Frauen und Homosexuelle keine Menschen zweiter Klasse sind. ‚Schuld und Sühne‘? Trigger warning: Brutale Gewalt gegen eine alte Frau. ‚The Great Gatsby‘? Trigger warning: Gewalt gegen Frauen (schließlich bricht Tom Buchanan Mrs. Wilson die Nase). Dantes Inferno? Trigger warning: Explizite Gewaltdarstellungen, Sodomie und Folter. ‚Dubliners‘? Trigger warning: Pädophilie.“

Raus aus dem Kokon! Die Liste kann endlos weitergehen. Man denke auch an den Vorschlag, aus Hollywoodklassikern das Rauchen herauszudigitalisieren. Und übrigens sind ja nicht nur einkommensschwache Menschen verletzlich – was ist mit den Reichen, die sich abschotten, um Begegnungen mit den unteren Gesellschaftsschichten zu vermeiden? Entspricht der Rückzug in Schutzräume, dem das Konzept der „trigger warnings“ dient, nicht genau der Strategie der Reichen?

Besonders interessant aber ist der Fall der Religionen. In Westeuropa führen einige muslimische Geistliche eine Kampagne für ein gesetzliches Verbot von Blasphemie und Respektlosigkeit gegenüber Religionen. Sollte so ein Gesetz nicht wenn, dann auch auf die religiösen Texte selbst angewandt werden? Müssten wir die Bibel und den Koran nicht dringend nach Maßgabe der politischen Korrektheit umschreiben? Ganz zu schweigen davon, dass wir natürlich auch die Respektlosigkeit gegenüber dem Atheismus verbieten sollten.

Wir landen bei einem unüberwindbaren Paradox – denn würden sich nicht ziemlich viele Menschen gerade von all diesen „trigger warnings“ verletzt fühlen, sie als ein Unterdrückerregime der totalen Überwachung empfinden?

Die Prämisse des Beirats an der Columbia University lautet: „Die Studierenden müssen sich im Hörsaal sicher fühlen“ – und wir sollten sie zurückweisen. Nein, die Studierenden müssen sich im Hörsaal nicht sicher fühlen! Stattdessen sollten sie lernen, gegen alle Demütigungen und alles Unrecht offen aufzubegehren und zu kämpfen. Dieser Beirat macht sich ein durch und durch falsches Bild vom Leben. Um noch einmal Jerry Coyne zu zitieren: „Das Leben steckt voller Zumutungen. Sich vier Jahre lang in einem Kokon einzuigeln, ist ein Riesenirrtum.“

Man sollte vielmehr lernen, wie man aus dem Schutzraum heraustreten kann, hinein in das gefährliche, unsichere Leben da draußen – und wie man dort eingreifen kann. Man sollte lernen, dass wir nicht in einer sicheren Welt leben. Sondern in einer Welt, in der diverse Heimsuchungen drohen, von Umweltkatastrophen und neuen Kriegen bis hin zur wachsenden gesellschaftlichen Gewalt.

Übersetzt von
Michael Ebmeyer

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